Früher waren es nur die Dias. Wenn Blattnagels von nebenan aus dem Urlaub zurückkamen, sagten sie ein paar Tage gar nicht, wie es war im Schwarzwald oder auf. Fuerteventura, um die Überraschung nicht zu verderben. Und dann, meist am Freitag nach der Tagesschau, schneiten sie mit den neuen Dias rein.

Er hängte meine Bilder ab, weil er die Wand brauchte, am Venedig dranzuwerfen oder die Alpenwelt. Und dann verreiste ich mit Blattnagels. Er grüßte verschwitzt von der Jungfrau, sie prangte aus dem Dirndl und atzte ein fahles Kalb mit saftigem Gras. Gruppenbild der Tauben vor dem Dogenpalast, schiefzahniger Gondoliere, in dessen stummer Geste noch sein hohes C mitschwang. Alles so liebevoll und langweilig, wie Urlaubsbilder halt sind. Und alles zweimal im Jahr, weil Blattnagels auch in den Schnee verreisen.

Das mit den Dias ist plötzlich vorbei. Blattnagels machen keinen Knipsurlaub mehr. Sie haben sich auf Aktivität geworfen, auf Hobbys. In einem Prospekt hat Blattnagel etwas von Hobbyurlaub gelesen, und seitdem ist er ein Steckenpferdenarr. Blattnagel hat die Bildung, entdeckt und frißt sie in sich rein, ganz maßlos.

In Bonndorf im Schwarzwald machen sie ein Schinkenseminar – Blattnagel wird mitmampfen. Er ist eine Woche weg und kann plötzlich Bogenschießen. Er setzt seinen Kopf nicht mehr der Sonne aus, sondern der Fortbildung. In Idar-Oberstein hat er Edelsteine geschliffen. Er fährt zum Bodybuilding-Seminar, zum Bastelseminar, zum Golfseminar. Hobbyurlaub, vor ein paar Jahren erfunden, hat ja längst akademischen Zuschnitt, überall Seminare, und Blattnagel ist drauf und dran, seinen Dr. url. zu machen. Dieses Jahr schwankt er noch, ob er zum Seminar für Tierstimmen-Imitation in den Oberharz reisen oder Suaheli büffeln soll.

Eigentlich kann es mir gleich sein, was die Hobbylobby mit meinem Nachbarn anstellt. Aber die Sache hat einen Haken. Wissen hat nur Witz, wenn man es vorweisen kann. Eingeschlossenes Wissen ist so nutzlos wie ein Picasso im Panzerschrank. Also käut Blattnagel sein Wissen wieder. Bei mir. Immerhin nimmt er nicht mehr meine Bilder von der Wand wie in der Diazeit. Aber sonst...

Als er aus Idar-Oberstein zurückkam, mußte ich an einem Abend vier Wochen Gemmologie verkraften. Nach seinem Seminar „Bemalen bäuerlichen Hausrats“ im österreichischen Leopoldschlag konnte ich ihn nur mit Mühe davon abhalten, ein Büschel Almrausch auf meinen Fernseher zu klecksen. Seine auf der Burbacher Pilzfarm im Siegerland als Pilzliebhaber unter Anleitung geprüfter Pilzberater erkauften Kenntnisse von den Giftigen und den Ungiftigen mußte ich angstvoll auslöffeln.

Seitdem er in Radolfzell sein Zeichengenie entdeckt hat, muß ich ihm einmal in der Woche sitzen und die Bilder auch noch bei mir aufhängen, obwohl er meine eindrucksvoll geformte Nase nie richtig trifft. Er hat sich die Urlaubsnächte in einer Sternwarte um die Ohren geschlagen und will nun einen Anbeter des Saturn aus mir machen. Und jedesmal, wenn er kommt, fummelt er an meinem Strauß aus Plastikblumen, weil er von einem Floristenseminar ein ästhetisches Bewußtsein nachbehalten hat.