Von der Straße aus ist nicht viel zu sehen. Nur hin und wieder blinkt das Wasser durch die dichten Weidenbüsche. Kein Strom verbirgt sich hinter dem grünen Paravent, kein reißender Wildbach zieht in seinen Bann, hinter den Weiden fließt nur die bescheidene Jagst. Nach der langen Anfahrt, nach der hochgespannten Erwartung wirkt die Endstation nun doppelt unscheinbar. Und es klingt ein wenig Enttäuschung in der Stimme, als die kleine Tochter fragt: "Ist hier der Urlaub?"

Ja, dort war der Urlaub. Am Flusse Jagst im Hohenloher Land, in einer Gegend, die grob eingeordnet, zwischen Heilbronn und Rothenburg ob der Tauber liegt. Das weithin unbekannte Reiseziel löste ungläubiges Kopfschütteln bei den Bekannten aus. Die angepeilten Marschpläne provozierten gar mitleidiges Lächeln. Wandern mit Kindern (sechs und drei) und dann noch an die Jagst? Das schien vielen wohl ein ausgefalleneres Vorhaben zu sein als eine Safari in den afrikanischen Busch oder ein Ausflug in die Ferne Asiens. Doch die Sorge, ein riskantes Unternehmen einzugehen, schwand bald. Kinder, das erwies sich schnell, können ausdauernde Wanderer sein. Mit kräftigem Schuhwerk und ihrer Regenkleidung waren sie für jedes Herbstwetter gewappnet. Die vorsorglich gekauften Mini Rucksäcke hatten zwar nur geringen praktischen Wert, halfen jedoch sehr bei der moralischen Aufrüstung. Und die Landschaft war wie geschaffen für Familienmärsche: nicht gigantisch und schroff wie die Alpen, nicht flach und monoton wie die norddeutschen Ebenen, sondern sanft und von einladender Vielfalt.

Abwechslung, dieses Zaubermittel für Kinier, bietet das Jagsttal überall. Mal reizen Hölenwege, dann wieder ist es auf den Wiesenpfaden am schönsten. Die Route führt durch Wälder and Felder, Weinberge und Obstgärten. Selbst der Fluß verändert ständig sein Gesicht: Hier fließt er flach und schnell über die Steine, dort dringt er sich ein, zwei Meter tief um eine Biegung, dann steht er dunkel vor einem Wehr.

Weil sich so vieles anbot, fiel bei der Erlmndungsfahrt durchs Tal die Entscheidung schver, wo denn nun die beste Wanderstrecke sei. Die Wahl wurde noch dadurch erschwert, daß es an Unterkünften fehlte. Weil Kinderfüße nich: in Siebenmeilenstiefeln stecken, waren sechs, acht, vielleicht auch zehn Kilometer jeden Tag eingeplant. Doch da sich nicht an jedem vorgesehenen Etappenende ein Gasthof fand, wurde das Auto mit einkalkuliert: zwar ungern, aber für den Notfall stets parat.

Als Ausgangspunkt der Tour bot sich Jagsthausen an, der bekannteste Ort am Fluß. Der Heimatort des Ritters Götz von Berlichingen offenbart viel von dem, was die Jagst zu bieten hat. Im grünen Tal, umrahmt vom alten Dorfkern, liegen die Schlösser der Berlichingen und die Götzenburg. Dort wird die eiserne Hand und vieles andere aus dem wechselvollen Schicksal dieser Gegend gezeigt. Deutlicher noch als anderswo am Fluß offenbart sich hier der besondere Charme des Landes der Bauern und Edelmänner, die Stimmung einer Landschaft, in der die Geschichte nicht in Museen versteckt ist, sondern in Ruinen und Burgen auf den Hügeln immer wieder sichtbar wird.

Neben all dem Alten bietet Jagsthausen auch eine moderne Attraktion: ein Kinderparadies mit Märchenszenen, die auf Knopfdruck in Bewegung geraten. Es ist auf viele Kilometer die einzige zeitgemäße Konzession an die Zerstreuung der Touristen. Die Anziehungspunkte, - die danach kommen, sind nicht um der Urlauber wegen errichtet worden, sondern Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Das Kloster Schöntal ist von allen Kulturdenkmälern wohl das eindrucksvollste. Seine Türme grüßen schon von weitem als Wahrzeichen einer Klostersiedlung, in der sich von der Romanik bis zum Barock viele Stilentwicklungen harmonisch vereinigen.

Die ehemalige Zisterzienser Kirche und die dazugehörenden Wirtschaftsgebäude sind gut erhalten. Im Sommer muß hier hektischer Betrieb herrschen, aber zur Herbstzeit kommen nur wenige Besucher. Die kleinen Besucher haben keine Konkurrenz beim Sammeln der Kastanien unter den riesigen Bäumen im Klosterhof; die Eltern können sich in aller Muße an den Alabasteraltären in der Hallenkirche und am Kreuzgang mit den Gräbern der Berlichingen erfreuen.