Von Ursula Rabe

Das Krankheitsbild der multiplen Sklerose umfassend darzustellen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn trotz intensiver Bemühungen der Forschung weiß man nicht genau, wo diese Krankheit ausgelöst wird. Für ihre Entstehung werden zwar immer wieder neue, vielfach faszinierende Hypothesen diskutiert, doch solange die hypothetischen Krankheitsursachen nicht als gesichert gelten können, wird es für diese bislang noch unheilbare Krankheit auch keine kausale, das heißt auf die tatsächlichen Ursachen gerichtete Therapie geben.

Die multiple Sklerose, kurz MS genannt, ist eine schwere Erkrankung des zentralen Nervensystems, des Gehirns und des Rückenmarks. In den gemäßigten Zonen der nördlichen Hemisphäre ist sie die häufigste, organisch bedingte, zentralnervöse Erkrankung überhaupt. Hier leiden von 100 000 Einwohnern 50 bis 80 an MS. In den asiatischen Ländern kommt sie seltener vor.

Sie befällt Menschen in den besten Jahren ihres Lebens. Das häufigste Erkrankungsalter liegt zwischen dem zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr. Ein Krankheitsbeginn vor dem 15. und nach dem 55. Lebensjahr ist selten. Der Verlauf der MS erstreckt sich im allgemeinen über Jahre und Jahrzehnte. Binnen weniger Wochen tödlich verlaufende Krankheitsformen kommen nicht sehr häufig vor.

Erkrankt ein Mensch an MS, so fallen bei ihm schubartig verschiedene Nervenleistungen aus. Die Ursache liegt letztlich in einer Schädigung des Nervengewebes. Es entstehen, unregelmäßig über Gehirn und Rückenmark verteilt, mehr oder weniger große Krankheitsherde. In diesen Bezirken werden die sogenannten „Markscheiden“, das sind Hüllen, die die Nervenfasern schützend umgeben, zerstört. Markscheiden bestehen aus Myelin, einer Substanz, die sich vornehmlich aus Fett und Eiweiß aufbaut. In dem vom Markscheidenschwund befallenen Hirn- und Rückenmarkgewebe beginnt das die Nervenzellen und Nervenfasern umgebende Bindegewebe zu wuchern, bis es die durch den Markscheidenschwund entstandenen Defekte kompensatorisch ausfüllt. So entstehen in Hirn und Rückenmark scharf begrenzte, graue, harte (sklerotische) Herde. Dieser Befund hat der Krankheit ihren Namen eingebracht. Multiple Sklerose heißt soviel wie: Zahlreiche Verhärtungen.

Anfänglich funktionieren Nervenfasern mit zerstörten Markscheiden noch ganz gut. Da aber die Markscheiden unter anderem auch der Isolierung der einzelnen Nervenfasern gegeneinander dienen, kommt es bei Schlund dieser isolierenden Hüllen in den Nervenfasern allmählich zu „Kurzschlüssen“. Die Fortleitung der von den Nervenzellen über die Nervenfasern ausgesandten elektrischen Reizimpulse ist gestört. Sichtbare Folgen dieser Pannen in der Reizfortleitung sind körperliche und geistige Ausfallserscheinungen.

Häufig zeigt sich die MS zuerst durch eine Abnahme der Sehschärfe an. Diese Sehschwäche tritt innerhalb sehr kurzer Zeit und meist nur an einem Auge auf. Zu den frühen Symptomen gehören ferner unbestimmte Schwindelerscheinungen, Gangunsicherheiten und Sensibilitätsstörungen. Im Verlauf von Monaten und Jahren bilden sich dann schubweise Sprachstörungen, psychische Veränderungen und Lähmungen bis hin zu einer hochgradigen Unbeweglichkeit aus.