Von Lars Gustafsson

Das Jahr 1686 sollte in die Geschichte der Universität Uppsala als das Jahr des cartesianischen Streites eingehen. Die kleine Universität, kaum mehr als ein einziges Gebäude, umgeben von niedrigen Holzhäusern, im Schatten einer Kathedrale inmitten einer tundraähnlichen arktischen Ebene, wankte in den Grundfesten bei ihrem Versuch, zu einem neuen Begriffsapparat Stellung zu nehmen. Karrieren gingen zu Bruch. Lebenslange Feindschaften nahmen ihren Anfang.

René Descartes’ Philosophie gelangte schon früh nach Schweden, nämlich mit Descartes selber, der im Jahre 1650 an Königin Christinas Hof starb. Die Überlieferung weiß zu berichten, daß die Königin darauf bestand, ihre Konversationen mit dem neuen Hofphilosophen auf fünf Uhr früh in ein ungeheiztes Zimmer des Stockholmer Schlosses zu verlegen, und daß Descartes ihr Interesse für die großen philosophischen Fragen als seicht und unkonzentriert empfand. Er erkrankte bald an einer Erkältung, die seinem Leben ein Ende setzte. Daraus kann man lernen, daß es unklug ist, sich als Hofphilosoph anstellen zu lassen – ein Fehler, den noch heute erstaunlich viele Kollegen begehen, manche sogar, ohne Philosophen zu sein.

Die neue Philosophie brauchte ungefähr dreißig Jahre, um vom Hof in die Universität hinabzudringen. Das ist eine für schwedische Verhältnisse explosionsartig schnelle Entwicklung. Man muß nur daran denken, daß Sigmund Freuds „Drei Abhandlungen über Sexualtheorie“ 1905 veröffentlicht wurden. Noch in meiner Jugend, in den fünfziger Jahren, konnte man Magister der Psychologie werden, ohne auch nur ein Wort von ihm gelesen zu haben.

Aristoteles, der im Jahre 1686 der offizielle Philosoph an der Universität von Uppsala war, lehrte, daß die Wirklichkeit sich in zehn einfache Kategorien einteilen lasse. Descartes behauptete, es gebe nur zwei: Ausdehnung und Denken, oder wenn man so will: Materie und Geist. Nur an einem Punkt stünden diese beiden Substanzen miteinander in Verbindung nur einen schmalen Spalt ließ der Philosoph offen, nämlich die glandula pinealis, die geheimnisvolle Zirbeldrüse, wo der Austausch zwischen den Leidenschaften der Seele und den Bewegungen des Körpers stattfand.

Descartes’ Lehre war in den achtziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts in Uppsala ungeheuer viel revolutionierender, als es uns heute erscheinen mag. Sie besagte unter anderem, daß materielle Vorgänge ausschließlich durch Bewegungen in der Materie zu erklären seien; die Entstehung der Planeten durch Wirbelbewegungen in ursprünglichen Staubmassen, die Funktionen des Nervensystems als komplizierte Billardballreaktionen zwischen glatten, leicht beweglichen Partikelchen, der Schein des Feuers als ein Strom von Lichtpartikeln, der Duft des Veilchens als Auswirkung kleiner Duftpartikel mit Widerhaken, die sich in der Nasenschleimhaut festsetzen.

Selbstverständlich stürzten sich junge Mediziner und Physiker voller Begeisterung auf dieses neue Tätigkeitsfeld. Nur ein paar Jahre, und schon wimmelte es von Dissertationen, die sich durch immer wunderbarere Partikel und Wirbelbewegungen auszeichnen.