Zweibrücken

Am 9. März soll das Landgericht Zweibrücken das Verschwinden von drei Kindern aus Pirmasens aufklären. Seit dem 25. November 1960, einem Freitag, hat niemand mehr etwas von dem neunjährigen Schüler Walter Broschat gesehen. Drei Jahre später, am Freitag, den 17. Januar 1964, verschwand spurlos der damals achtjährige Schüler Klaus-Dieter Stark. Ebenfalls seit einem Freitag, seit dem 8. September 1967, ist die Schülerin Eveline Lübbert, damals 10 Jahre alt, verschollen.

Das Schwurgericht in Zweibrücken wird wegen Mordes verhandeln, obwohl es keine Leichen gibt, kein Beweisstück und kein Geständnis. Verantworten muß sich der 44jährige Gerhard J., dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, „aus Mordlust und aus sonst niedrigen Beweggründen heimtückisch“ drei Menschen umgebracht zu haben.

J. wurde als zweiter von drei Söhnen eines Juweliers in Pirmasens geboren. Als wohlbehüteter Sohn verlief seine „kindliche Entwicklung“ unauffällig. In der Schule fiel er wegen seiner besonders schnellen und genauen Auffassungsgabe auf. Doch beim Abitur auf dem humanistischem Gymnasium erreichte er – 1952 in der von den Franzosen besetzten Pfalz – nur zwölf von 20 möglichen Punkten, nach dem deutschen Notensystem eine gute Vier. Nach dem Abitur belegte J. in Freiburg einige Vorlesungen in Psychologie und Philosophie.

1954 erkrankte er an Schizophrenie; die Ärzte bemerkten eine auffällige Wesensveränderung und stellten religiöse Wannideen fest. Er kehrte nach mehreren Untersuchungen in den Kliniken Heidelberg, Landeck und Oberursel ins Elternhaus zurück. Bald kannte ihn die ganze Stadt als „harmlosen Irren“, der stundenlang an einer Mauer lehnte und vor sich hinstarrte. Er sei, so bestätigte es der Staatsanwalt, „stets freundlich“ gewesen, ein „friedlich lächelnder Mensch, der sich immer menschenscheu und ängstlich gezeigt“ habe.

Zu einer geregelten Arbeit war er offenbar nicht fähig. Er arbeitet mal zwei Wochen hier oder vier Wochen da, als Dachdecker, als Bauhilfsarbeiter, in einer Schuhfabrik, in einem Supermarkt oder bei einem Bauern. Von den Eltern hat er sich allmählich gelöst. Er habe es stets abgelehnt, so sagte er den ermittelnden Polizeibeamten, von den Eltern wie ein Kind oder Kranker behandelt zu werden. Durch diese „ausgesprochen schonende Behandlung“ habe die gegenseitige Wahrhaftigkeit gelitten, so daß der Gesprächskontakt völlig abgerissen sei. Er habe „völlig selbständig“ sein wollen.

So ging er 1963 in den Wald, campierte im Freien, am Eisweiher oder in Höhlen. Für kalte Nächte baute er sich ein provisorisches Heim: Er spannte eine Schnur zwischen zwei Bäume, hing einen Plastikbezug darüber und in das so entstandene „Zelt“ legte er drei Wolldecken. Das Waldleben ließ ihn abmagern; seine Haare wurden länger, er trug einen schmutzigdunklen Mantel – so kannten ihn die Pirmasenser.