„Die Kunst der Wahrnehmung – Übungen der Gestalttherapie“, von John O. Stevens. Wirklich zu sein, wer man ist, wirklich zu fühlen was man (jetzt, in diesem Augenblick) fühlt – das scheinbar Einfache kann sehr schwierig sein, denn in der Regel haben wir von früh an gelernt, das Gegenteil zu tun: unser Sein und unser Fühlen den Erwartungen anzupassen, die an uns gerichtet werden. So leben wir mehr oder weniger in einer Welt von Vorstellungen statt in der Realität und reagieren auf Phantasiebilder statt auf wirkliche Menschen in wirklichen Situationen. John O. Stevens will mit seinem Buch einen Weg weisen, wie man mit sich selbst in besseren Kontakt kommen, eine volle Erfahrung der eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten erlangen und damit auch offener werden kann für echte Beziehungen. Aus der Gestalttherapie von Fritz Perls hat er – unterhalb der eigentlich therapeutischen Ebene – eine Art Selbsthilfe-Lernprogramm für Laien entwickelt: Übungen der Kommunikation mit sich selbst und anderen, von der bewußteren Wahrnehmung bis zu Kreativitätsspielen mit musikalischen und bildnerischen Mitteln, für Einzelne und für Gruppen. Das Programm ist komplex, die Grundregel einfach: Identifiziere dich mit dir selbst, und übernimm dafür die Verantwortung. Eine Technik wird nicht vermittelt, auch keine fertige Lehre. Eben das unterscheidet dieses Buch von all den vielen scheinbar ähnlich gearteten psychologischen Lebenshilfe-Programmen. (Christian Kaiser Verlag, München, 1975; 269 S., 28,– DM)

Hans Krieger

„Häutungen“ – Autobiographische Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen, von Verena Stefan, „gleich werden wir uns ausziehen und zueinander in ein bett legen, der kuß kann uns nicht über unser vorhaben hinwegtäuschen. ... ich lächle hoch, er blickt hinunter, er legt den arm um mich, ich lehne mich an ihn ... wir versuchen sprachlos, ein bißchen glück zu fabrizieren.“ Beziehungen über ihren, den Kopf einer Betroffenen hinweg, die lange stillhält, die Mechanik der Liebe zwischen Mann und Frau, die Enteignung ihrer Person, die Ausquartierung aus sich selber beschreibt Verena Stefan mit einer aufregenden Disziplin. Aufregend, weil diese zwischen menschenverachtender Lapidarität und selbstmitleiderfüllter Weitschweifigkeit innehaltende Sprache präzis die alte und die schwierige neue Lage der Autorin wiedergibt: die Lage einer Frau, die sich selbständig gemacht hat und der nun, da sie an sich selber denken will, die Worte fehlen. (Verlag Frauenoffensive, München, 1975; 128 S., 10,– DM) Christian Schultz-Gerstein