Berlin: „Ronald Searle“

Hundert Arbeiten des englischen Satirikers, eine Auswahl aus den letzten zehn Jahren, sind ausgestellt. Man findet neben Einzelblättern wie der asketischen „Selbstkarikatur“ von 1966 einen guten Teil der Serien und Bildfolgen, die man aus Searles Büchern kennt, darunter die Metamorphosen der Schnecken oder die „Frustrationen und Komplexe und natürlich immer wieder Katzen. Die Originale – es sind meist delikat aquarellierte Federzeichnungen – zeigen, daß Satire für Searle auch eine kulinarische Sache ist, auch im wörtlichen Sinn, wenn zum Beispiel eine schwarze Katze an einem riesigen Tisch voll Kuchen und Torten sitzt und von Fisch träumt. Die Katzen sind bei Searle Feinschmecker, die Menschen ordinäre Vielfraße. „Ich kompensiere“ heißt ein Blatt aus der Serie „Frustrationen und Komplexe“ und zeigt vor einem Schwein einen gabelschwingenden Vielfraß, der fettig über die Grenzen seines Stuhls quillt. Ein andermal ist es ein kannibalisches „Arbeitsessen“, bei dem der Gefräßige gierig Menschenbeine und Füße verschlingt. Searle hat sich für seine grotesken Szenarien keine leitmotivische Figur erfunden; aber er hat jenen Typus des Gefräßigen kreiert, der an Leibesfülle alle Karikaturen fetter Kapitalisten aus den zwanziger Jahren übertrifft: knochenlose zerfließende Fleischmasse, von der Haut gerade noch zusammengehalten, auf dünnen Beinchen oder fragilen Stühlen balancierend, grotesk und manchmal dennoch anmutig. „Nobody loves me“ (so ein Bildtitel): traurige Monstren im Überfluß. (Kupferstichkabinett bis zum 19. April, Katalog 8,50 Mark)

Katrin Sello

München:„Christoph Voll“

In den letzten Jahren hat es eher zuviel als zuwenig Ausstellungen zur Kunst der zwanziger Jahre gegeben; doch immerhin schien die Vielzahl von Retrospektiven zu verbürgen, daß die realistischen und die neu-sachlichen Tendenzen (bis in die regionalen Verästelungen hinein) so gut wie lückenlos erforscht und dargestellt worden sind. Das war ein Irrtum: Der wichtigste Bildhauer jener Zeit, als Künstler den Malern ebenbürtig, ist bislang unentdeckt geblieben:Christoph Voll, 1897 in München geboren, Schüler der Dresdener Akademie (und von Oskar Kokoschka gefördert), 1928 Professor an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe, 1933 entlassen, 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert (eine seiner Skulpturen war damals im Ausstellungsführer abgebildet), gestorben 1939 in Karlsruhe. Voll hat in seinem Frühwerk traumatische Jugenderinnerungen verarbeitet, das Gefühl der Einsamkeit eines Kindes, das von seiner Mutter in ein Waisenhaus gegeben worden war. Die kleinformatigen Holzschnitzereien, kraftvoll-lebendig und differenziert gestaltet, sind Entwürfe für (nie ausgeführte) monumentale Gruppen. Um die Mitte der zwanziger Jahre hat Voll dann lebensgroße Figuren geschnitzt, realistisch, karikierend, Menschenbilder von überzeugender Gegenwärtigkeit – sie waren sein eigentlicher Beitrag zur Kunst der Zeit. (Galleria del Levante, bis Ende März; Katalog 20,– Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Braunschweig: „George Grosz“ (Kunstverein bis zum 21. März Katalog 18 Mark)