Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Die einzige Bombe auf dem 25. Parteitag bastelte Leonid Breschnjew selber. Der Physiker Anatoli Alexandrow, Präsident der Akademie der Wissenschaften, war gerade dabei, die Bedeutung der "atomaren Technologie" für die Medizin zu rühmen – da unternahm der sowjetische Parteichef einen ungewöhnlichen Eingriff in das byzantinische Protokoll dieses Kongresses. Durch einen lauten Zwischenruf erkundigte er sich: "Wie steht es mit einer Bombe gegen die Grippe?"

Zum Scherzen bestand ansonsten kaum ein Anlaß. Drei ungelöste ernste Probleme überschatten auch nach diesem Parteitag den Weg der Sowjetunion in die Zukunft:

  • Die Parteiführung ist überaltert.
  • Ihren Anspruch auf die Führung im Weltkommunismus kleidet die Partei in überholte und überzogene Formen.
  • Der sowjetische Verbraucher, dessen Kaufkraft wächst und wächst, wird auch in den nächsten Jahren noch übergangen werden.

Hinter den ergrauten Häuptern des Präsidiums im roten Rund des Kreml-Palastes hat bisher kein möglicher Erbe Breschnjews Profil gewonnen. Leonid Iljitsch über alles: Er ist der einzige lebende Sowjetpolitiker, dessen Bilder die Moskauer Straßen schmücken. Und er ist der einzige Lebende, der im Kreml-Palast häufiger zitiert wird als alle toten Ahnherren des Kommunismus.

Nie zuvor ist dieser Parteichef in so vielen Reden derart persönlich angesprochen worden. "Das kasachische Volk weiß, wieviel persönliche Arbeit und Energie Sie in die Kultivierung des Neulandes gesteckt haben", dankte Kamhat Donenbajewa, Traktoristin und "Heldin der sozialistischen Arbeit". "Wie häufig besuchten Sie unsere Farmen und teilten die Freude des Sieges und die Bitterkeit der Rückschläge mit den Neulandgewinnern!"