Von Heinz Josef Herbort

In der Bundesrepublik ereigneten sich 1974, dem letzten statistisch erfaßten Zeitraum, rund 350 000 registrierte Verkehrsunfälle, an denen Kraftfahrzeuge beteiligt waren. Die Folgen: 14 614 Tote, 450 000 Verletzte, ein Gesamtschaden von ungefähr 3,5 Milliarden Mark. Die Ursachen waren exakt kaum je zu ermitteln, die Zweckspekulationen wie die juristischen Konsequenzen sind so bekannt wie umstritten.

Kaum bestritten hingegen ist die Erkenntnis, daß ein Großteil der Personen- wie Sachschäden hätte vermieden werden können, wären die beteiligten Autofahrer ein bißchen mehr über die Unfallmöglichkeiten und Gefahren, über die Chancen, ihnen zu entkommen oder gar nicht erst zu begegnen, informiert gewesen, wären also ihre praktischen Fahrkenntnisse nach der Fahrprüfung weiterentwickelt statt verringert worden, kurz: hätten die Damen und Herren hinter dem Steuer besser Auto fahren können.

Denn wider Erwarten und entgegen den Prämienstaffeln der Versicherungen sind nicht die „blutigen Anfänger“ an den meisten Verkehrsunfällen schuld, sondern jene Gaspedal- und Lenkradbetätiger, die ihren Führerschein seit einem und zwei Jahren besitzen – jedenfalls ergab eine Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC), daß diese Gruppe dreimal mehr Schäden verursacht als alle anderen.

Die Erklärung liegt auf der Hand: Die gerade über das Anfängerstadium hinausgekommenen Autofahrer fühlen sich sicherer am Lenkrad, als sie es in Wirklichkeit sind. Eine Befragung von 1100 Automobilisten ergab: 860 halten sich für einen „sehr guten“, 200 für einen „guten“ Fahrer; niemandem wäre es in den Sinn gekommen, daß er eher „schlecht“ fahre.

Gegen eine solche subjektive Fehleinschätzung und damit ständig unbewußte Überforderung richtet sich eine Art Fortgeschrittenen-Kurs für Führerscheininhaber, das „Sicherheitstraining“, für das der ADAC jetzt ein Programm entwickelte und das er demnächst systematisch durchführen möchte. Ein solches Training ist zvar nicht neu. Schon seit Jahren gibt es in der Bundesrepublik hier und dort „Schleuder-Kurse“ (die eigentlich exakter Anti-Schleuder-Kurse heilen müßten) oder sogenannte „Stadtfahrer-Tests“ – ob auch sie jenen Nutzeffekt haben, den die Amerikaner glauben nachweisen zu können (30 Prozent weniger Unfälle bei Trainingsteilnehmern als bei Untrainierten), mußte bei uns noch ununtersucht bleiben.

Das jetzt herausgebrachte Programm soll keine Rallyefahrer ausbilden. Es wird auch keine Sicherheitsgarantie mitliefern. Was es allenfalls zu leisten vermag, geht aus den drei Trainingszielen hervor: Gefahren erkennen / Gefahren vermeiden / Gefahren bewältigen.