Von Karl-Heinz Janßen

Seit der Trauerfeier für Tschou En-lai am 15. Januar wurde Chinas zweitmächtigster Politiker, Teng Hsiao-ping, in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen. Sein Name ist den Massen zum Fraß vorgeworfen worden. Der Mann, der 1973 nach siebenjähriger Verbannung an der Hand von Maos Nichte wieder ins weltpolitische Rampenlicht geleitet und von Ministerpräsident Tschou En-lai öffentlich rehabilitiert wurde, der 1974 mit dem Segen des Ehepaars Mao und des ganzen Führungskollektivs zu den Vereinten Nationen geschickt wurde, der 1975 in Paris mit Giscard d’Estaing zu Tische saß und in Peking mit Henry Kissinger und Gerald Ford, mit Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt anstieß, und der Anfang 1976 mancherorts als Nachfolger Maos betrachtet wurde – dieser Mann wird nun seit Wochen von den Wandmalern der Parteipropaganda als „Kapitalistenknecht“, „Rechtsabweichler“ und „dreiköpfiges Ungeheuer“ verleumdet, ist zum zweiten Male niedergefahren zur roten Hölle.

Es fehlt nicht mehr viel, und er wird den „Renegaten und ArbeiterVerrätern“ Liu Schaotschi und Lin Piao als verabscheuungswürdiger Verbrecher an die Seite gestellt. Auch sie waren einmal dazu ausersehen worden, Maos Erbe zu verwalten, auch sie waren noch vor der Testamentsvollstreckung beim Großen Vorsitzenden in Ungnade gefallen.

Wenn wir der Pekinger Volkszeitung glauben dürfen, hat Mao selber die Massenkampagne gegen die Fraktion um Teng gestartet. Aber bei den undurchsichtigen Verhältnissen in China muß man es für möglich halten, daß Maos Name und Lehre für einen innerparteilichen Machtkampf mißbraucht werden. Das Gedränge vor den Wandzeitungen, vor die sogar Richard Nixon geführt wurde, und die Stimmungsmache in den Massenmedien darf nicht zu einer falschen Einschätzung der Kräfte verleiten. Die „Linken“ oder „Radikalen“ (zuweilen auch „Royalisten“ genannt), die sich um Maos Frau Tschiang Tsching scharen, beherrschen seit Jahren den Propagandaapparat. Dennoch haben viele Funktionäre und Technokraten, die in der Kulturrevolution ge-

schaßt wurden, unter der Obhut Tschou En-lais und Teng Hsiao-pings den Staats- und Parteiapparat und auch die Armeeführung zurückerobern können.

Das Zentralkomitee der Partei ist jetzt in zwei Lager gespalten, so daß der vorläufige Regierungschef Hua Kuo-feng zunächst nichts anderes als ein Kompromißkandidat sein kann. Vielleicht geht der Angriff gegen das Zentrum auch diesmal, wie bei der Kulturrevolution in den sechziger Jahren, von einer Minderheit aus, die nichts hinter sich hat als das Prestige Maos, das auch seine Gegner nicht anzutasten wagen. Mao könnte als weiser Lehrer über den Fronten abwarten, wie sich die Auseinandersetzung zwischen den „zwei Linien“ entwickelt, und sich als Schiedsrichter bereithalten. Verhindert hat er sie jedenfalls nicht, und wenn er sie nicht gefördert hat, so doch vorausgesehen. „Es wird einen Kampf in der Partei geben“, sagte Mao in der Neujahrsnacht seinem Gast David Eisenhower, dem Schwiegersohn Nixons.

Dieser Kampf ist nicht erst nach dem Tode Tschou En-lais ausgebrochen. Bereits während der Erziehungsbewegung zur Kritik an Lin Piao und Konfuzius, die 1973, zwei Jahre nach dem Sturz des Verteidigungsministers, vom Stapel gelassen wurde, sprachen einige Anzeichen dafür, daß eine der Zielscheiben sogar Tschou En-lai selber sein könne. Tschou, damals schon an Krebs erkrankt, konnte jedoch mit unübertrefflichem taktischen Geschick weiterhin aus dem Krankenhaus heraus die Richtlinien der Politik mitbestimmen und, wie noch bei jedem Machtkampf in den vier Jahrzehnten zuvor, die Attacken mit ungebrochenem Ansehen überstehen.