Von Dieter Kronzucker

Régis Debray: „Kritik der Waffen. Wohin geht die Revolution in Lateinamerika?“ Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek b. Hamburg 1975; 200 S., 6,80 DM.

Dieses Buch ist nicht nur eine Kritik an den Waffen der Revolution in Lateinamerika, sondern Selbstkritik des Autors – und umgekehrt. Die Knicke im Lebensweg des jetzt 35jährigen Régis Debray spiegeln sich in seinen Schriften wider.

Im Jahre 1962 lernt der Franzose Fidel Castro kennen, macht einen Dokumentarfilm über die Guerilla in Venezuela, schreibt über lateinamerikanische Probleme in Jean-Paul Sartres Zeitschrift „Les temps modernes“. Zu dieser Zeit glaubt er an einen automatischen Siegeszug der Revolution. Fünf Jahre später schließt er sich der Truppe Che Guevaras an, die in Bolivien operiert. Zu dieser Zeit glaubt er, daß nur Bolivien schon reif sei für eine sozialistische Revolution, daß nur die bewaffnete Gewalt den Umsturz in anderen Ländern vorbereiten kann.

Seine „Revolution in der Revolution“ macht Geschichte unter den Guerilleros. Che Guevara wird von den bolivianischen Rangers getötet und „Danton“, wie Debray damals genannt wurde, kommt ins Gefängnis. Dreißig Jahre Haft heißt das Urteil, obwohl er beteuert, daß seine Waffen nur Griffel und Photoapparat seien. 1970 frühzeitig freigelassen, geht er nach Chile, begeistert sich für Salvador Allende, verschreibt sich dem parlamentarischen Weg zum Sieg des Sozialismus, dem „chilenischen Weg“.

Diese lateinamerikanische Kehrtwendung vollzieht Debray in Frankreich nach. 1965 verließ er noch die KPF, weil sie den Sozialisten Mitterrand unterstützte; 1974 tritt er in die sozialistische Partei Frankreichs ein und gilt jetzt als Berater Mitterrands. Die erwartete neuerliche Richtungsänderung Debrays nach dem Ende des chilenischen Experimentes blieb also aus.

In „Kritik der Waffen“ präsentiert sich ein hin- und hergerissener Régis Debray. „In Chile ging es nicht“, schreibt er, „wird es anderswo gehen, wo die historischen Voraussetzungen unvergleichlich günstiger liegen – in Westeuropa?“ Der Berater Mitterrands präzisiert: „... die wahre Heimat des Sozialismus – wir meinen Frankreich ...“