Von Friedhelm Gröteke

Von Krise zu Krise magert die Lira weiter ab. Als Anfang dieser Woche nach über einem Monat Zwangspause die italienischen Devisenbörsen wieder geöffnet wurden, hatte die Landeswährung gegenüber dem Dollar mehr als zwölf Prozent ihres Wertes eingebüßt. Auf dem schwarzen Markt ist der Kursverlust noch drastischer. Italiener, die sich über die erlaubten Beträge hinaus Reisedevisen beschaffen wollen, bieten für Mark oder Franken noch zehn bis fünfzehn Prozent mehr als die offiziellen Wechselstellen. Meist dienen die schwarz erworbenen Devisen nicht dazu, eine Reise zu finanzieren, sondern werden als Notgroschen auf Konten im Ausland deponiert.

Kaum jemand in Italien glaubt, daß der 33. italienischen Nachkriegsregierung unter Aldo Moro ein langes Leben beschieden ist. „In Italien werden weder Reformen noch Revolutionen gemacht. Hier regiert nur das große Tohuwabohu, und immer schneller geht es bergab.“ Mit diesen Worten hatte Ugo La Malfa, Vizepräsident der italienischen Regierung, den Schlußstrich unter seine Mitarbeit im 32. römischen Nachkriegskabinett gezogen. Christliche Demokraten und Republikaner, die größte und kleinste Partei des Landes, hatten den gemeinsamen Versuch aufgegeben, Italien aus der Krise herauszusteuern.

Auch dem neuen Kabinett Moro ist bisher nichts neues eingefallen. So blieb es bei den Krisenmaßnahmen, die Italien seit jeher in solchen Lagen gewohnt ist: Kreditverteuerung und neue Einschränkungen für den Devisenverkehr.

Blockiert von einer linken Parlamentsmehrheit und von den allmächtigen Gewerkschaftsverbänden, kann sich das neue Kabinett Moro fast nur noch auf das Wohlwollen der Staatsbürokratie stützen. Das Millionenheer im öffentlichen Dienst, der in Italien über 51 Prozent des Sozialproduktes verfügt, will seine Privilegien behalten. Um die Staatsdiener nicht zu vergrämen, muß denn auch Schatzminister Emilio Colombo aller nötigen Austerity zum Trotz die zur weiren Subventionierung des aufgeblähten und leistungsschwachen Verwaltungsapparates nötiger. Lira-Milliarden besorgen. Und um die Gewerkschaften nicht herauszufordern, muß Aldo Moro auf die dringend notwendige rigorose Einkommenspolitik verzichten.

Verantwortlich für den Verfall der italienischer. Währung ist nach Meinung des im vergangenen Sommer zurückgetretenen Notenbank-Chefs Guido Carli vor allem das Defizit des Staatshaushaltes in der zweiten Jahreshälfte 1975 gewesen. Und in der Tat: Italien hatte, als es die erste mittelfristige (und inzwischen verlängerte) Anleihe vor der EG erhalten hatte, versprochen, den Nettokreditbedarf des Staatshaushaltes nicht über 800C Milliarden Lire (26,4 Milliarden Mark) zu erhöhen. In Wirklichkeit wurden 13 500 Milliarden Lire (43,5 Milliarden Mark) daraus.

Die Europäische Gemeinschaft jedoch hat alsbald nach der Bildung der neuesten Minderheitsregierung beschlossen, sich für eine weitere Dollar-Milliarde zu verbürgen, die auf dem Eurogeldmarkt von Privatbanken zusammengebracht werden soll, nachdem die Deutsche Bundesbank darüber hinaus bereits mit einer halben Milliarde Dollar ausgeholfen hat. Schatzminister Colombo versucht, seinen Landsleuten klarzumachen, daß diese 15. Dollar-Milliarde nicht wie die vorhergehenden zum alsbaldigen Verbrauch bestimmt ist: „Das ist etwas Atemluft für die kurzfristige Sicherung der Lira“, sagt der Schatzminister. „Mittelfristig müssen alle Italiener Opfer bringen, damit wieder ein Gleichgewicht für normales Wirtschaften erreicht wird.“ Aber von Opfern wollen die Gewerkschaften für ihren Teil nicht viel hören. Im Gegensatz zu ihren britischen Kollegen ist bei ihnen von einem „Schock am Abgrund“ (ZEIT Nr. 10) bisher nichts zu spüren.