ZEIT: Herr Regierender Bürgermeister, Sie haben in einer Rede vor der Gewerkschaft ÖTV gesagt, wer von Verfilzung in dieser Stadt spreche, dem müßten Sie Demagogie und Agitation vorwerfen. Andererseits haben Sie jetzt in Ihrer Selbstkritik von Prestige-, Karriere- und Pensionsdenken gesprochen und dies gerügt. Wie sehen Sie nach der KPM-Affäre dieses Problem?

SCHÜTZ: Ich habe in meinem ganzen Leben zu denen gehört, die nichts anfangen können mit allgemeinen Beschuldigungen, allgemeinen und pauschalen Begriffen wie Verfilzung, Filzokratie, Ämterpatronage und ähnlichem. Es geht gerade in der Demokratie darum, diese Begriffe aus dem Allgemeinen, aus dem Pauschalen dorthin zu bringen, wo sie hingehören, nämlich in die konkrete Einzelheit, in das Detail. Und deshalb meine ich, daß ich jeden Vorwurf, den es im Einzelfall gibt und die KPM ist ein richtiger, großer Einzelfall – akzeptiere, nicht als Demagogie, sondern als einen Punkt, mit dem man sich rücksichtslos auseinandersetzen muß.

ZEIT: Es schlägt Ihnen jetzt teilweise auch aus der SPD Kritik entgegen. Es hat geheißen, Sie könnten nicht in einer Loge sitzen und so tun, als ginge Sie da unten alles nichts an. Wie werten Sie solche Kritik? Haben Sie in der Vergangenheit die Zügel bei der Senatsführung etwas zu lang gehalten?

SCHÜTZ: Da ich früher selber in der Partei sehr stark kritisiert habe, muß ich die Kritik aus der Partei natürlich auch sehr ernst nehmen. Ich glaube auch, daß sie in vielem nicht unberechtigt ist. Aber die Vorstellung, daß ein Regierender Bürgermeister von Berlin die einzelnen Vorgänge in den Senatsverwaltungen, besonders auch noch auf dem Personalsektor, im Detail überwacht, stimmt nicht überein mit meinen grundsätzlichen Vorstellungen von der Ausübung dieses Amtes. Ein Regierender Bürgermeister von Berlin muß eine Vielzahl von anderen Dingen, die weit über die Stadt hinausgehen, beachten. Er hat nicht die Möglichkeit und sieht normalerweise auch nicht die Notwendigkeit, in die Eigenverantwortlichkeit eines anderen Mitglieds des Senats einzugreifen.

Trotzdem ist es wohl richtig, daß die Kritiker von einem Regierenden Bürgermeister verlangen, daß er auch im Detail sich mit Fragen dieser Art auseinandersetzen kann. Das tue ich, wo es möglich ist, aber ich akzeptiere die Tatsache, daß ich nicht immer, wie es so schön heißt, im Parkett anwesend sein kann, weil ich eben auch eine Reihe von Fragen außerhalb des Parketts, in den Logen und auf dem Rang des Geschehens, des nationalen wie des internationalen Geschehens, beantworten muß und mich im Interesse Berlins auch dort nicht herausziehen kann. Berlin ist eben nicht nur eine kommunalpolitische Einheit, sondern ist ein ganz wichtiger gesamtpolitischer Vorgang, um den man sich intensiv kümmern muß.

ZEIT: Ziehen Sie aus den jüngsten Vorgängen für die Zukunft Konsequenzen für Ihre Regierungstätigkeit, für die Führung des Senats?

SCHÜTZ: Soweit es sich um. die allgemeine Arbeit für Berlin handelt, meine ich, wird man sich darauf konzentrieren müssen, die Konsequenzen in der Offenlegung der Personalpolitik zu sehen. Das wird bedeuten, daß jeder etwas herausragende Personalfall, mit dem wir es zu tun haben, so offen wie möglich behandelt wird – in den Verwaltungsbezirken, wo CDU und SPD das ja einträglich und einträchtig zusammen machen, in den Senatsverwaltungen, in den Eigenbetrieben. Aber ich werde darüberhinaus auch immer wieder darauf dringen, daß das einzelne Mitglied des Senats in Eigenverantwortung seine Entscheidungen trifft, und daß der Regierende Bürgermeister trotz vieler Bindungen in der kommunalpolitischen Szene die Hand und den Kopf frei haben muß, um für Berlin insgesamt zu sprechen, und dies nicht nur nach innen hin, sondern auch nach außen.

Das Gespräch führte Joachim Nawrocki