Eine Woche lang erzeugte der Selbstmord zweier Strafhäftlinge in der Hamburger Vollzugsanstalt Fuhlsbüttel allgemeine Verwirrung. Die beiden hatten ihren Freitod vorab in offenen Briefen an Rundfunk- und Zeitungsredaktionen als Demonstration für humanere Vollzugsbedingungen begründet – durchaus einleuchtend. Nur: Die Zustände in Fuhlsbüttel boten zuletzt Anlaß zu einem solch verzweifelten Unternehmen.

Dort wird seit rund zwei Jahren unter der Ägide des liberalen Justizsenators Klug ein auf Resozialisierung zielender Vollzug betrieben, der vieles von dem vorwegnimmt, was Regierungsparteien und Opposition in Bonn gerade erst mit dem neuen Strafvollzugsgesetz zukunftsweisend beschlossen haben. So dürfen die Häftlinge in der Freizeit Zivilkleidung tragen, ihre Zellen mit zum Teil eigenen Einrichtungsgegenständen ausstatten und sich tagsüber innerhalb des abgeschlossenen Gebäudes frei bewegen.

Als die Welt eine Woche später Auszüge aus einem behördeninternen Kommissionsbericht „zur Überprüfung der Sicherheit in den hamburgischen Vollzugsanstalten“ veröffentlichte, wurde aus der Verwirrung schlagartig eine partielle und höchst politische Schizophrenie: Endlich hatte man den Schuldigen gefunden – zwar nicht für den Selbstmord (wofür man ihn schon gern verantwortlich gemacht hätte), aber nun wenigstens für die Zustände, die die Selbstmörder noch immer als unzureichend ansahen.

Ein Sicherheitsrisiko sei der Senator Klug mit seinen Reformen. Was der Kommissionsbericht da an Libertinage aufdecke, erweise sich als „Hohn auf den modernen Vollzug der Resozialisierung“ (ein CDU-Rechtsexperte) – die Zivilkleider, die offenen Zellen, das individuelle Mobiliar. So viel Heuchelei, so viel plumpen Situations-Opportunismus möchte man für schier unmöglich halten. Nur eines ist nun klar: Die beiden Häftlinge haben sich umsonst umgebracht – wofür oder wogegen sie auch demonstrieren wollten.

H. Sch.