Es ist unmöglich, von Renée nicht beeindruckt zu sein. Seit über einem Jahr hat sie ihren Standort an den Champs-Elysées. Ihre Kunden sind mit ihr sehr zufrieden, ihre Leistung schlägt alle Rekorde. Renée ist eine Attraktion.

Am 12. November 1975 nahm sie ihre Arbeit auf – nicht in Paris, wie Name und Standort vermuten lassen, sondern unweit von Aachen. Sie ist auch keineswegs ein leichtes Mädchen, sondern ein schweres Ding: Europas modernste Floatanlage, die täglich 80 000 Quadratmeter Glas ausspuckt. Champs-Elysees haben die Arbeiter der Vereinigten Glaswerke GmbH (Vegla) die Straße getauft, die mitten durch ihr Werk in Stolberg führt.

Das ist kein Zufall. Die Aachener Vegla ist nämlich eine hundertprozentige Tochter des französischen Konzerns Saint-Gobain-Pont-à-Mousson, zu dem so traditionsreiche Firmen wie Grünzweig + Hartmann in Ludwigshafen und die Halbergerhütte im saarländischen Brebach gehören. Der in sechzehn Ländern der Welt produzierende Industrieriese setzt heute achtzehn Prozent seiner Produktion in der Bundesrepublik um und ist damit das französische Unternehmen mit dem stärksten Engagement in der Bundesrepublik.

Dahinter steckt weniger eine systematische Beteiligungspolitik als lange Tradition. Die 1665 als Vorläufer von Saint-Gobain gegründete Königliche Spiegelmanufaktur erwarb schon 1855 eine Fabrik in Mannheim und übernahm zwei Jahre später die Aachener Spiegelmanufaktur. 1934 vereinigte Saint-Gobain dann seine vier deutschen Glaswerke unter dem Namen Vegla.

Der Röhrenspezialist Pont-a-Mousson, der erst 1970 mit Saint-Gobain fusionierte, verdankt seine Existenz dagegen deutschem Kapital. 1862 kauften der Saarbrücker Kohlenhändler Emile Haldy und die Gebrüder Röchling aus einer Konkursmasse eine lothringische Gießerei auf, die 1886 ihren endgültigen Namen "Pont-à-Mousson" erhielt. In den Wirren des Ersten Weltkrieges ging dann das Kapital in französische Hände über; 1920 übernahmen die lothringischen Rohrgießer die Kontrolle über den Konkurrenten Halbergerhütte im Saarland.

Diese internationale "Tradition verpflichtet", so heißt es heute in der Pariser Konzernzentrale, einem unauffälligen Bürohaus in der Nähe des Triumphbogens. In der Chefetage regieren zwar die Franzosen. Doch in der zweiten Stufe der Management-Hierarchie trifft man Mitarbeiter aus einem halben Dutzend verschiedener Nationen. Und der holländische Deutschland-Chef, Petrus A. Neeteson, verkündete das Selbstverständnis des Konzerns so: "Unsere Achse ist französischdeutsch."

Bei Pont-ä-Mousson in Nancy sind immerhin drei von zwölf Abteilungschefs Deutsche. Die Direktoren aller vier Produktbranchen (Rohre, Armaturen, Zähler, Maschinenbau) sind allerdings Franzosen. Hubert Cousin, Boß in Nancy, gibt unumwunden zu: "Das Entscheidungszentrum ist französisch."