Lübeck

Nicht die geschickteste Art, bundesdeutsche Polen-Politik populär zu machen, dafür jedoch einen Weg, mal wieder ins Gespräch zu kommen, ließ sich Schriftsteller Günter Grass im Dezember vergangenen Jahres einfallen. Er legte zu diesem Zweck seinen Finger auf Lübeck, genauer gesagt, legte Hand an das Glockenspiel von St. Marienkirche. Es stammt aus Danzig. Wie Grass auch.

Die Hansestädter sollten, so sprach der Schriftsteller vom Bildschirm herunter in seinem für das Dritte Programm des NDR gedrehten Film „Teure Geschichte“, das Glockenspiel an die St. Katharinenkirche in Danzig zurückgeben, in der es ursprünglich hing. Seit Kriegsende allerdings ist nicht mehr die damals aufgelöste Danziger Kirchengemeinde Eigentümerin der Glocken, sondern die Evangelische Kirche Altpreußischer Union in Westberlin (EKU). Ihr übergab die Militärregierung nach 1945 die Glocken der Gemeinden aus dem ehemaligen Reichsgebiet von 1937 und aus Danzig, die dank der skurrilen Rüstungspläne des Dritten Reiches noch rasch auf dem sogenannten Hamburger Glockenfriedhof zusammengetragen worden, waren.

Und Anfang der fünfziger Jahre wiederum schloß die EKU mit der Lübecker Marienkirche einen Leihvertrag über das Glockenspiel. Die Hansestädter sind also fein heraus, können sie doch jede „moralische Verpflichtung“ getrost von sich weisen.

Dennoch hat Grass’ Trommelwirbel in Lübeck Wirkung gezeigt. Einmal fand das vom Turm durch die Altstadt nicht immer ganz harmonisch reine Glockenspiel wieder mehr Gehör, zum anderen meldete sich der Senior der evangelischlutherischen Landeskirche Lübeck, Karl-Heinz Stoll, zu Wort, verwies auf die Besitzverhältnisse und auf die Tatsache, daß „derartige Leihverträge über Kirchenglocken, auch aus Kirchen in der heutigen DDR, mehrfach aus der Nachkriegszeit im ganzen Bundesgebiet existieren“. „Selbstverständlich“, fügte er hinzu, „liegt auch uns an der Aussöhnung mit Polen.“ Doch wie diesen guten Willen unter Beweis stellen? Die Sammelbüchse rückte ins Blickfeld und mit ihr der Gedanke an eine Spende für neue Glocken in St. Katharinen. Die Danziger dürften im übrigen mit der Restaurierung ihrer Kirche sowieso erst Ende dieses Jahres fertig werden.

Inzwischen betrat ein neuer Akteur die Bühne: Oberstudienrat Peter Guttkuhn vom Lübecker Ernestinen-Gymnasium für Mädchen. Er schlug sich auf die Seite von Günter Grass und schlug für Günter Grass einen Haken, den der Schriftsteller brav nachvollzog. Er überzeugte ihn per Brief, daß es wenig sinnvoll sei, die Glocken nach Danzig zu schaffen. „Nur“ 30 der 35 Glocken stammten noch aus St. Katharinen. Im übrigen sei die Mechanik für das Glockenspiel erst nach Kriegsende in Lübeck eingebaut worden. Ohne die Lübecker Mechanik aber, die obendrein auch nicht wieder ausgebaut werden könne, seien die Glocken weder „irgendwie noch irgendwo verwendbar“.

Oberstudienrat Guttkuhn riet Grass statt dessen zur Sammelbüchse. Im Mai wollen beide in der Hansestadt eine Spendenaktion für neue Glocken in St. Katharinen zu Danzig starten. Man muß schon Lübscher Insider sein, um sich dieses Gespann vorstellen zu können. Grass, ehemaliger Werbetrommler in SPD-Wählerinitiativen, und Guttkuhn, konservativ ruhend auf christdemokratischen Grundfesten, Vorsitzender der Lübecker „Vaterstädtischen Vereinigung“, überhaupt agil auf Lübscher Vereinsszenerie, ehemals in der Deutsch-Südafrikanischen Gesellschaft, heute in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.