Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Nach der Senatskrise in Berlin, der ein Senator und ein Senatsdirektor zum Opfer fielen, haben sich die Wogen wieder etwas geglättet. Aber unter der Oberfläche brodelt es noch. Zum erstenmal ist auch Berlins Regierender Bürgermeister und SPD-Landesvorsitzender Klaus Schütz merklich angeschlagen. Zweimal hat die Partei während seiner achteinhalbjährigen Amtszeit empfindliche Wahlverluste hinnehmen müssen, ohne daß dies seiner Stellung geschadet hätte. Jetzt bricht Unmut auch gegen Schütz aus.

Die SPD-Fraktion hat die von Schütz zunächst befürwortete „Weglobung“ des umstrittenen Senatsdirektors Schwäbl verhindert und ihren Unmut über diese Art von Personalpolitik geäußert. Wenige Tage später wurde Schütz in der Fraktion vorgeworfen, es fehle ihm an Weitsicht. Schütz, so hieß es, könne sich nicht in die Loge setzen und so tun, als ginge ihn das alles gar nichts an. Am Wochenende schließlich wurde bei Parteiwahlen in einer Wilmersdorfer SPD-Abteilung der Fraktionsvorsitzende Wolfgang Haus mit 49 Stimmen gegen 46 Stimmen für Schütz für das Amt des Landesvorsitzenden nominiert, obwohl jedermann klar sein mußte, daß Haus aus beruflichen Gründen für den Landesvorsitz nicht zur Verfügung steht.

Schütz hat zwar mit Entschiedenheit gehandelt, aber sicherlich zu spät. Den Senator für Verkehr und Betriebe, Harry Liehr, der die Verantwortung für die Kette von personalpolitischen Fehlentscheidungen in den Eigenbetrieben der Stadt trägt – wenn auch die wirklich Verantwortlichen Senatsdirektor Schwäbl und andere Spitzenbeamte waren –, hat Schütz kurzerhand und recht unsanft gefeuert. Vor dem Abgeordnetenhaus räumte Schütz ein, daß es sein Fehler war, über die Vorgänge im Senat nicht ausreichend informiert gewesen zu sein; er entschuldigte sich dafür in aller Form. In der SPD-Zeitung „Berliner Stimme“ beklagte der Regierende, daß die Möglichkeit, zusammen mit der FDP vor einem Jahr wieder die Regierung zu stellen, „zu viele und viele zu schnell über den Verlust der Mehrheit hinweggetröstet“ habe. In diese Kritik bezog Schütz auch sich selbst ein – „mich selbst ganz besonders“.

War das nun alles? Schütz selbst meint, bisher habe man das ganze recht gut durchgestanden und ja auch Konsequenzen gezogen. Das Telephon klingelt, er spricht zwei Minuten, legt auf, sagt: „Jetzt kommen die Solidaritätserklärungen.“ Es klingt eher leicht ironisch als erfreut. Er gibt sich gelassen nach den turbulenten Tagen. „Mit großer Gelassenheit“ ist auch eine Standardformel in seinen Reden. Oft hat er soviel Abstand von den Tagesereignissen, daß dies leicht als Desinteresse aufgefaßt werden kann. Vor einiger Zeit kamen wir zusammen mit ihm in sein Amtszimmer. Er sah schnell die neuen Akten, Briefe und Notizen durch, wendete sich seinem Besucher zu und sagte leicht angewidert: „Wieder nichts Wichtiges.“

Solche Ironie macht Schütz sympathisch; sie ist aber zugleich auch Quelle seiner Fehlhandlungen. Er nimmt sich selbst nicht wichtig, und manchmal fragt man sich, ob er überhaupt etwas wichtig nehmen kann. Diesmal wurde es ernst, und Schütz hat eine neue Erfahrung gemacht. Was tiefer geht, sagt er, ist, daß man „in einen Strudel hineingerät, ohne selbst stabilisieren zu können“.