International spielt nur noch AS St. Etienne eine Rolle

Von John Vinocur

Die französische Fußball-Nationalmannschaft steckt in einer Krise. Bis auf die Mannschaft vom AS St. Etienne – sie spielte im Hinspiel des Viertelfinales im Europacup gegen die wohl zur Zeit beste europäische Vereinsmannschaft, Dynamo Kiew – gilt das Motto für den französischen Fußball: Chic, aber erfolglos.

In den sechziger Jahren wurde die französische Fußball-Nationalmannschaft mal an die See geschickt, wo die Spieler ganz spezielle Algenbäder nehmen, stundenlang im Meerwasser sitzen und ihre Beine mit geheimnisvollem Seetang abreiben sollten. Die Franzosen nannten dies „thalasso-therapie“ (Meerestherapie). Auch danach gewannen sie keine Spiele. Als nächstes verfrachtete man die Mannschaft in die Alpen zu einer Sauerstoffkur, einer Art von medizinischen Atemübungen, bei denen die gute Luft, so rein wie der Duft von Schnee oder einem Kiefernwäldchen, die schlechte austreiben und den Körper reinigen sollte. Das Team atmete kräftig und verlor wieder mal.

Nachdem die Franzosen vor zwei Jahren zum Entsetzen aller Fans die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft nicht geschafft hatten, weil sie ein Ausscheidungsspiel gegen ein paar Halbprofis aus Irland verloren, suchten sie nach einem neuen Wunderdoktor. Um die Anstellung von Stefan Kovacs als Nationaltrainer, einem Rumänen, der Ajax Amsterdam zweimal hintereinander zum Sieg in der Europameisterschaft der Landesmeister verholfen hatte, machten sie ein Aufhebens, das man anderswo bestenfalls über die Entdeckung eines Krebs-Heilmittels gemacht hätte.

1975 verschwand Kovacs kurz vor Weihnachten still und unauffällig nach Bukarest. Er flog vom Flughafen Le Bourget, dereinst Landeplatz für Lindberghs Spirit of St. Louis, heutzutage ein Hintertürchen, um Paris ohne Aufhebens zu verlassen. Des Wunderdoktors Abreise – „Ich habe hier sehr interessante Erfahrungen gemacht“, meinte er auf dem Flugplatz – war dem französischen Pressedienst gerade eben noch zwei Sätze wert. Und der französische Fußball blieb unbestritten der jämmerlichste der zivilisierten Welt.

Kovacs hatte nicht das erreicht, wofür man ihn geholt hatte: Frankreich über die erste Runde der Europameisterschaft der Nationalmannschaften zu bringen. Es ist der wichtigste Wettkampf in der Mitte zwischen zwei Fußball-Weltmeisterschaften. In ihrer Gruppe mußten die Franzosen gegen die Belgier antreten, Zielscheibe von Dutzenden französischer Spottwitze und in gallischen Augen ein verwirrtes und gespaltenes Volk, das nicht so recht wußte, ob es nun französisch oder flämisch reden sollte; dann gegen die Spieler aus der DDR, einen Haufen kommunistischer roter Roboter, und gegen die Isländer, die ihr Leben mit dem Fang von Kabeljau verbrachten – so die Meinung der Franzosen.