Sowjetbotschafter Dobrynin, seit den Tagen John F. Kennedys in Washington, überbrachte Breschnjew die jüngsten amerikanischen Gegenvorschläge für ein zweites Abkommen zur Begrenzung der strategischen Kernwaffenrüstungen (Salt) zusammen mit einer persönlichen Botschaft des Präsidenten Ford. Noch vor dem Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes im Juni möchte Ford in Washington das Abkommen mit dem sowjetischen Parteichef unterzeichnen.

Verbunden mit diesem Wunsch war eine Warnung an die Sowjetunion, sie möge Amerikas Bereitschaft zur Zurücknahme seiner Machtansprüche in der Welt nicht weiterhin ausnutzen. Die Fortsetzung der Entspannung auf der Basis einer amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollpolitik bedürfe einer Ergänzung durch vertragskonformes außenpolitisches Verhalten der Sowjetunion.

Trotz solcher Warnungen ist die amerikanische Verhandlungssituation ebensowenig brillant wie vor dem Abschluß des ersten SALT-Abkommens in Moskau im Jahre 1972. Dieses erste Abkommen enthält Lücken, die von der sowjetischen Raketenrüstung konsequent genutzt wurden, um Startgewicht und Wurflast der interkontinentalen Raketen um das drei- bis vierfache zu steigern. Gleichwohl besaß die amerikanische Rüstung auch nach 1972 noch erhebliche Vorteile. Aber die sind seither zusammengeschrumpft, vor allem bei denjenigen Raketen, deren Spitzen mittels eines Sprengkopfbündels auf mehrere voneinander entfernte Ziele gerichtet werden können.

Heute hat die amerikanische Rüstung allerdings eine neue Waffe in petto: die Cruise missile, einen Flugkörper mit Eigenantrieb und Selbststeuerung bei Unterschallgeschwindigkeit, der auf einer niedrigen, den Bodenerhebungen angepaßten Flugbahn sein Ziel sucht. Marine und Luftwaffe der USA wollen diese neuen Möglichkeiten als Ausgleich für die Vorteile nutzen, die das Salt-Abkommen von 1972 der sowjetischen strategischen Rüstung gelassen hat. In seinen letzten Salt-Verhandlungsvorschlägen hatte Moskau versucht, die Cruise missile ganz zu unterdrücken oder zumindest in ihrer Reichweite erheblich zu begrenzen. Die Entwicklung dieses Flugkörpers ist so inzwischen zum Haupthindernis für einen zweiten Vertrag geworden.

Schon im vorigen Jahr war zwischen Kissinger und Gromyko vereinbart worden, daß keine Seite eine strategische Cruise missile mit interkontinentaler Reichweite für den Abschuß von Land aus einführen wird. Im Januar 1976 einigte Kissinger sich dann mit den Russen grundsätzlich auf eine Reihe weiterer, bis dahin noch strittiger Punkte. Danach sollten luftgestützte Cruise missiles mit einer Reichweite bis zu 600 Kilometern von jeder vertraglichen Begrenzung ausgenommen werden; sie dürfen von allen Flugzeugarten getragen werden. Bei einer Reichweite bis zu 2500 Kilometern sollen diese Fluglenkkörper nur von schweren Langstreckenbombern getragen werden dürfen. Damit wäre ihre Verwendung, wenn die Sowjets etwas Vergleichbares konstruieren, in dem sowjetischen Mittelstreckenbomber „Backfire“ ausgeschlossen.

Ferner ist über die Absprache Kissingers mit Gromyko bekannt geworden, daß alle schweren Bomber, die wenigstens zehn solcher Fluglenckörper an Bord haben, auf die in Wladiwostok festgesetzte Höchstzahl von 1320 Mehrfachangriffsträgern (Mirv-Systeme) anzurechnen sind.

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