Krasse Dividendenunterschiede in der Stahlindustrie irritieren die Aktionäre

Von Heinz-Günter Kemmer

Monatelang hatten die Bosse an Rhein und Ruhr bewegte Klage über die triste Lage der Stahlindustrie geführt. Doch dann sorgte die August Thyssen-Hütte dafür, daß Zweifel an der Wahrheitsliebe der Stahlmanager auftauchten: Der Branchenriese gab seinen Beschluß bekannt, den Aktionären für das angeblich so schlechte Geschäftsjahr 1974/75 eine Dividende von unverändert vierzehn Prozent zu zahlen. Stahlaktien fanden zu steigenden Kursen wieder Liebhaber.

Um so größer war der Schock, als die Duisburger Klöckner-Werke bekanntgaben, daß sie für das gleiche Geschäftsjahr überhaupt keine Dividende zahlen könnten. An der Börse purzelten die Kurse. Andere Stahlaktien wurden für kurze Zeit mit in den Strudel hineingerissen.

Seither wird im Revier und in den Börsensälen heftig darüber diskutiert, ob das Verhältnis „vierzehn zu null“ denn nun wirklich dem Ertragsunterschied der beiden Stahlkonzerte entspricht. Kann es sein, daß Thyssen auch dann noch fest auf den Beinen steht, wenn andeie schon in die Knie gehen?

Zu den anderen wird Klöckner wohl kaum allein zu zählen sein. Die Hüttenwerke des Krupp-Konzerns sind sicherlich in keiner besseren Position. Auch der deutsch-holländische Stahlkonzern Estel müßte eine Dividende wohl aus der Substanz zahlen – das laufende Geschäft kann nichts gebracht haben.

„Wer von den 14 Prozent Dividende überrascht worden ist“, so brüstet sich inzwischen ein Thyssen-Manager, „der hat noch nicht gemerkt, daß hier eine neue Mannschaft am Werk ist.“ Und so müssen nun die Vorstände der anderen Unternehmen ihren Hauptversammlungen entgegenbangen. Denn deren Aktionäre werden kaum zögern, abträgliche Vergleiche zur Thyssen-Dividende zu ziehen und nach Managementfehlern bei den weniger erfolgreichen Vorständen zu fahnden. Vielleicht kratzt deshalb das eins oder andere Stahlmanagement, das die Karten bisher noch nicht aufgedeckt hat, doch noch ein paar Millionen für mehr Dividende zusammen, um nicht ganz nackt vor den Aktionären zu stehen.