Eine Fliege, die im Bierglas schwimmt, glaubt, daß die ganze Welt im Gerstensaft ertrinkt. Wer Liebeskummer hat, kann sich nicht vorstellen, daß das Leben auch mal wieder lustig werden kann. Und angesichts eines auf 1,3 Millionen Menschen angewachsenen Arbeitslosenheeres fällt es offenbar vielen Politikern, Gewerkschaftern und Unternehmern schwer, sich vorzustellen, daß dieses auch einmal wieder anders werden könnte.

So meint beispielsweise der CDU-Politiker Norbert Blüm, „Vollbeschäftigung wird sich nicht als ein altliberalistischer Automatismus einstellen, sondern kann nur das Ergebnis politischer Anstrengungen sein“. Der SPD-Abgeordnete Egon Lutz vertritt gleichfalls die Ansicht, daß „die strukturellen Defekte auf dem Arbeitsmarkt mit den bisherigen Mitteln nicht beseitigt werden können“.

Die Gewerkschaften diagnostizieren wieder einmal ein Versagen der Marktwirtschaft und der bisherigen Wirtschaftspolitik. Sie fordern daher neben anderen Maßnahmen ebenso wie die genannten Politiker eine „gerechtere Verteilung“ der Arbeit. Dies könne durch den Abbau von Überstunden, Arbeitszeitverkürzung, längeren Urlaub und vorzeitige Pensionierung geschehen. Andere – wie etwa Ministerpräsident Hans Filbinger – verstiegen sich zu Vorschlägen wie dem, Gastarbeiter unter mehr oder weniger sanftem Zwang in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Das bedeutet nichts anderes als den Export unserer Arbeitslosigkeit ausgerechnet in die ärmsten Regionen Europas.

Ähnlich aufgeregt und unüberlegt wurde argumentiert, als die Währungskrisen die Weltwirtschaft erschütterten, der Ölschock zu einer kurzfristigen Versorgungskrise führte oder die Inflationswelle zeitweise von Monat zu Monat höher schwappte. Auch damals wurde das Versagen des Marktes diagnostiziert. Auch damals wurde jedesmal nach Verstaatlichung und dirigistischen Eingriffen gerufen. Auch damals wurde die Rettung nur in der Gründung neuer Behörden, in Zwangsmaßnahmen und mehr Planung gesehen.

Hätten die verantwortlichen Politiker auf die von Panik ergriffenen Ratgeber gehört, wären wir mit Sicherheit nicht so glimpflich davongekommen. Noch heute würden dann Behörden Devisen zuteilen und jeden Zahlungsverkehr mit dem Ausland mißtrauisch kontrollieren, würden Ämter Preisverordnungen erlassen und Beamte Heizöl zuteilen.

Einem ähnlichen Unfug redet das Wort, wer heute nach massiven staatlichen Eingriffen in den Arbeitsmarkt ruft. Denn dadurch würde nicht nur die Fähigkeit der Wirtschaft, sich den neuen Entwicklungen flexibel anzupassen, noch weiter eingeschränkt. Es würde auch der Fehler gemacht, auf ein kurz- oder mittelfristig vorhandenes Problem mit sehr langfristig wirkenden – und später kaum noch revidierbaren – Maßnahmen zu reagieren.

In einigen Jahren müßten wir es bitter bereuen, wenn heute das Angebot an inländischer Arbeitskraft drastisch reduziert oder in die falsche Richtung gelenkt wird. Wir müßten dann, um die dringendsten Aufgaben zu bewältigen, von neuem Gastarbeiter ins Land holen – und mit ihnen alle damit verbundenen politischen und sozialen Sorgen.