In der früheren spanischen Kolonie Westsahara stehen die Zeichen auf Sturm: Der letzte Regierungs-Vertreter Spaniens hat das Land verlassen, die Befreiungsbewegung POLISARIO hat einen unabhängigen Staat „Arabische Demokratische Republik Sahara“ ausgerufen; Marokko und Mauretanien, die Erben Spaniens, bestreiten dies.

Bereits einige Tage vor dem vereinbarten Termin Ende Februar hat in der vergangenen Woche Spanien die Westsahara verlassen. Gleich nach dem Abzug aus El Aiun rief die POLISARIO in einer kleinen Wüstenstadt die „Arabische Demokratische Republik Sahara“ aus und holte zu dieser Feier eigens Journalisten mit Bussen aus Algier heran. Marokko und Mauretanien bestritten sofort, daß in der Westsahara eine unabhängige Republik ausgerufen worden sei.

Die in Addis Abeba tagende Versammlung der Außenminister der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) fand nicht zu einer einheitlichen Stellungnahme. 21 der 49 Mitgliedsländer entschieden sich für die Unterstützung der POLISARIO, neun trater für eine Aufteilung des Landes unter Marokko und Mauretanien ein und 17 enthielten sich der Stimme. Für den Fall einer Unterstützung der POLISARIO durch die OAU haben Marokko und Mauretanien ihren Austritt aus der Organisation angedroht; umgekehrt hat Algerien, das, die POLISARIO unterstützt, bei einer Teilung der Sahara seinen Austritt aus der Organisation angekündigt.

Offenbar wird die POLISARIO, die für das Selbstbestimmungsrecht der Sahara-Bewohner kämpfen will, durch Soldaten anderer sozialistischer Staaten unterstützt: Palästinenser, Vietnamesen und Nordkoreaner. Kuba hat bereits seine Hilfe bei der Ausbildung angeboten – afrikanische Politiker beschwören die Gefahr eines zweiten Angola.

Bisher scheinen freilich alle beteiligten Parteien eine offene Auseinandersetzung zu scheuen. Für Mauretanien würden direkte Kämpfe gleichzeitig Bürgerkrieg bedeuten, da sich die Gegner von Regierungschef Uld Daddah bereits mit der POLISARIO solidarisiert haben und den Konflikt in ihr Land tragen wollen. Daher beschränkte sich der Konflikt bisher auf lokal begrenzte Kämpfe um einzelne Städte und strategisch wichtige Punkte.

So verworren wie die militärische ist auch die politische Lage. Spanien hatte bis zum November vorigen Jahres den Standpunkt vertreten, die etwa 70 000 Wüstenbewohner sollten selbst über ihr Schicksal abstimmen. Während Francos Krankheit war Madrid dann mit Marocko und Mauretanien übereingekommen, das Gebiet zu teilen.

Am Freitag voriger Woche sprach sich eine Versammlung der Stammeshäuptlinge mit Mehrheit für den Anschluß an Marokko aus – freilich in Gegenwart marokkanischer Vertreter und in Abwesenheit opponierender Stammesfürsten. Nur 65 von 102 Mitgliedern stimmten ab.

Algerien hat gegen alle Teilungspläne Widerspruch eingelegt. Da es weder ethnische noch historische „Ansprüche“ geltend machen kann, ist es auf die Mithilfe der POLISARIO angewiesen, die von ihren Gegnern kommunistischer Unterwanderung beschuldigt wird. Ob die POLISARIO wirklich, wie sie behauptet, große Teile der Westsahara kontrolliert, ist fraglich. Marokko äußerte jedenfalls sofort den Verdacht, die „Ausrufungs-Zeremonie“ habe in einem algerischen Wüstenort stattgefunden. K. N.