Rom, im März

Ein böses kapitalistisches Großunternehmen, das einem befreundeten, von inneren Krisen geschüttelten Lande unnütze Rüstungsgüter verkaufen will, bedient sich eines gewinn- und luxussüchtigen „Jet-sets“ von Beamten und Advokaten, um in die verrostete Staatsmaschinerie einzudringen und sie zu „schmieren“ – dies könnte das Szenario eines billigen kommunistischen Propagandafilms sein. In Italien, wo man schon lange mit vielen Skandalen lebt, lassen die Auswirkungen der amerikanischen „Lockheed“-Affäre immer mehr ein solches Bild entstehen, sogar ohne Zutun der Kommunisten.

Nicht der ehemalige Luftwaffen-Generalstabschef Fanali, gegen den seit Anfang der Woche ein Untersuchungsverfahren läuft, nicht die ehemaligen Verteidigungsminister (der Christdemokrat Gui und der Sozialdemokrat Tanassi), deren Namen im Gerede sind, und auch nicht private Geschäftemacher vom Typ des verhafteten Rechtsanwalts Antonelli stehen im Mittelpunkt des Skandals. Hauptfigur ist vielmehr Camillo Crociani, ein Mann, der bis vor einer Woche Präsident der „Finmeccanica“, einer der größten und mächtigsten staatlichen Holdinggesellschaften, war: Herr über ein Firmen-Imperium, dessen Produktion vom Auto bis zum Flugzeug, von der Waschmaschine bis zum Heizkraftwerk reicht. Er ist Chef eines jener Staatsunternehmen, die längst über mehr als die Hälfte der industriellen Kapazitäten des Landes verfügen und deshalb den Linksparteien, vor allem den Kommunisten, das bequeme, die Unternehmer beruhigende Argument liefern: Es sei in Italien schon kaum mehr etwas zu sozialisieren übrig.

Als Camillo Crociani mit schweren Akten- und Geldkoffern in der Frühe des 20. Februar – unter Umgehung jeder Kontrolle – sein Privatflugzeug bestieg, um mit unbekanntem Ziel zu entschweben („für ein paar Jahre“, ließ er seiner Tochter sagen), hinterließ er alles in scheinbarer Ordnung: Am Abend vorher hatte er sich noch, wie es hohen Staatsangestellten geziemt, von der Parlamentstribüne die Regierungserklärung Moros angehört, all die Klagen über Staatsverschuldung, Währungszerfall und Kapitalflucht. Dann speiste Crociani mit einem Minister, ging nach Hause, peckte die Koffer und hinterließ ein artiges Rücktrittsschreiben.

Seine Bankkonten und Tresore hatte er säuberlich geleert, seine Steuerschulden für ein angebliches Einkommen von umgerechnet viertausend Mark im Monat waren bezahlt (sein Gehalt hatte er ohnehin stets seinem Sekretär geschenkt). Um seine Wohnungen und seine beiden Märchenvillen, die eine in den Bergen, die andere’am Meer (mit Hubschrauberlandeplatz und Privatkapelle, in der ein Bischof für ihn zelebrierte und christdemokratische Freunde neben ihm knieten) – um all diesen Besitz brauchte er sich nicht zu sorgen: Das alles gehört fiktiven ausländischen Gesellschaften. Auf die Konten solcher Scheinfirmen – in Liechtenstein und Panama – sind aber mit größter Wahrscheinlichkeit auch jene Gelder geflossen, die den Skandal ausgelöst haben.

Eineinhalb Milliarden Lire (etwa 4,75 Millionen Mark) hatte der amerikanische Flugzeugkonzern „Lockheed“ lockergemacht, um 1970 den Verkauf von 14 seiner „Herkules“-Transportmaschinen zum Preis von 45 Milliarden Lire an das italienische Verteidigungsministerium zu „fördern“. Nach der Veröffentlichung des Reports des amerikanischen Senators Church schlug die Aufregung in Rom hohe Wellen. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft, eine Verhaftung, eine Untersuchungskommission der Regierung, Parlamentsanfragen, Proteste von Verdächtigten, Verleumdungsklagen und die Flucht von drei Hauptbeteiligten, eines Anwalts, seiner „Gesellschafterin“ und eben jenes Crociani, des großen Hintermannes – das sind bislang die an der Oberfläche sichtbaren Vorgänge. Auf die meisten Fragen, die der Skandal aufgeworfen hat, gibt es noch keine endgültigen Antworten. Waren die Herkules-Flugzeuge (mit einem Aktionsradius von viertausend Kilometern) überhaupt notwendig für ein Land von der Größe Italiens?

Offenkundig bezweifelte dies nur ein einziger General, und gerade ihn hatte man zum Geschäftsabschluß nach Washington geschickt. Haben die Vermittler vielleicht größere Widerstände nur vorgetäuscht und damit auch die Notwendigkeit größerer Bestechungen, um auf diese Weise nur die eigenen Taschen noch mehr zu füllen? Ist am Ende nur ein Teil oder gar nichts bei jenen gelandet, die in den „Lockheed“-Papieren als eigentliche Adressaten genannt sind?