Ihr Mann ist tot und läßt Sie grüßen“, sagt Mephisto zu Frau Marthe, die darob nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll. Lady Christobal Ampthill wußte das auch nicht, als ihr im Frühsommer 1921 ein Arzt die Versicherung gab, sie sei zwar Jungfrau, aber schwanger (oder, wenn man lieber will, zwar schwanger, aber Jungfrau). Dieser flagranten Verhöhnung der Theorie durch die Praxis dankt die britische Rechtsgeschichte den würzigsten Fall des Jahrhunderts. Alle Zutaten schienen gegeben: Die Lady war schön, der Ehemann reich (und Anwärter eines Lordtitels), und beide waren bereit, gewisse Details der Affäre preiszugeben. Die reichten freilich nur zu deren Beleuchtung bis hin zum Zwielicht, nicht aber zur völligen Erhellung.

John Russell, später dritter Baron Ampthill, ging ein Jahr nach der Niederkunft seiner (wie immer berührten oder unberührten) Frau vor Gericht und beantragte die Scheidung. Das war damals leichter gedacht als getan. Der vorgegebene Grund (Nichtvollzug der Ehe) stieß auf ungläubige Hinweise: das nicht zu leugnende Söhnchen betreffend. Lord Ampthill konterte mit der Behauptung, der Vater des kleinen Geoffrey müsse ein anderer Mann sein, er sei es nicht.

So etwas kommt vor. Zum Skandal wurde das Scheidungsverfahren erst, als dann auch Lady Christobal aussagte, ein medizinisches Gutachten (den erwähnten Unbescholtenheitsnachweis) vorlegte und abstritt, je mit diesem, noch – o Wunder – mit irgendeinem anderen Mann geschlafen zu haben. Wohl aber habe es – das Datum hatte sich ihr eingeprägt – am 18. Dezember 1920 eine höchst unangenehme Szene gegeben, ehelicher Natur, in deren Verlauf sich Lord Ampthill ganz unlordlich, eher bestialisch, kurz „wie ein Hunne“, gezeigt habe. Die Gerichtsakten vermerkten nicht, ob der Richter daraufhin die Beklagte aushorchte, woher sie denn wohl wisse, wie sich Hunnen im Bett aufführen.

Das Gericht selbst aber wußte zu dem Fall am Ende auch nichts zu sagen, und es erging auch kein Urteil. Die nächste Instanz gab Lord Ampthill recht. Lady Christobal aber beschloß, für sich und den Erbschaftsanspruch ihres Sohnes auch die höchste Rechtsstufe zu erklimmen und vor die Law Lords des Oberhauses zu gehen. Die entschieden im Jahre 1926: Die Unschuld ist unschuldig, der Mann muß zahlen und ist ein Hunne und kein Lord.

Lady Christobal erfreute sich ihres Sieges in einer imponierenden Mischung aus erhobenem Kopf und sittsamem Wandel. Inzwischen war sie der Gegenstand zahlloser Klatschkolumnen und Karikaturen geworden. Im protestantischen England spielte sich’s auf die unbefleckte Empfängnis Mariens leichter an als anderswo, und noch soeben – 1976 – hat ein prominenter Tory-Abgeordneter Breschnjew mit dem Papst verglichen.

Lady Christobal schrieb einen Roman mit dem vielleicht alles erklärenden Titel „Angst vor der Liebe“, spielte eine kleine Filmrolle, nahm an den gängigen Freizeitbeschäftigungen der weiblichen Oberschicht des Landes teil, nämlich zahlreichen Wohltätigkeitsvereinen, und erschien noch einmal in den Schlagzeilen, als sie im Krieg das Land an der Drehbank verteidigen half.

Nur über ihr Liebesleben ließ sich nichts in Erfahrung bringen. Leider hatte sie 1935 den Fehler begangen, ihrerseits die Scheidung von Lord Ampthill einzureichen, die auch bewilligt wurde. Der Lord, inzwischen seinem Vater im Titel nachgefolgt, machte sich nun an die Arbeit, die Erbschaft in einer „echten“ Linie zu halten und sie dem Bastard in notfalls generationslangem Rachefeldzug streitig zu machen. Er heiratete von neuem, und ein Sohn namens John wurde geboren. John und Geoffrey wollten nun – nachdem Lady Christobal und Lord Ampthill beide tot sind – vom Oberhausgericht noch einmal wissen, wer denn der wahre Titel- (und Ländereien-)Erbe sei. Denn außer um würzige Zutaten ging es bei der ganzen Sache natürlich stets auch um saftige Steaks: Ländereien in Irland zum Beispiel.