Von Wolf Donner

Ein Vorführraum. Rüdiger Vogler repariert einen alten Filmprojektor, und ein Stummfilmmusiker erzählt ihm aus den Tagen von Langs „Nibelungen“. Eine Atmosphäre verständnisvoller, aufmerksamer Sympathie umgibt die beiden; der Veteran ist echt, seine Passage authentisch, der Ton original (nicht, wie üblich, nachsynchronisiert) und die Szene ein schöner, verhaltener Hommage an die Gründerzeit des Kinos. Der Alte verhaspelt sich, sagt „NSPDAD“, Vogler muß grinsen, reibt sich verlegen und verschmitzt die Nase, Ausblende.

So beginnt „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Der ganze Charme des Films liegt in dieser Anfangsszene: seine Spontaneität und Intensität, seine Lakonik und seine Melancholie. In drei, vier Minuten ist eine Stimmung geschaffen, ein Thema intoniert.

Dann eine Parallelmontage, zwei Szenen berstend von Dichte und Kraft, eine Introduktion übersprudelnd von Handlung wie die Einleitungssätze der Erzählungen Kleists: Da rast ein verkniffener Wahnsinniger mit einem VW durch die Gegend, während in einem Lkw am Flußufer ein Gemütsmensch erwacht, aufsteht, sich anzieht, „Wie kann man so ’ne Scheiße träumen“ murmelt, sich zu rasieren beginnt. Der Todesfahrer rast in den Fluß, krabbelt mit seinem Koffer durchs Verdeck und schwimmt an Land, und der Lkw-Fahrer ist ganz erschrocken und irritiert und belustigt.

So lernen sie sich und wir sie kennen, und nach dieser Vorstellung wissen alle schon eine Menge voneinander. Was folgt, sind Variationen: zwei Männer unterwegs, die Geschichte einer Freundschaft. Der Fahrer und Kinotechniker, „King of the Road“, der Unabhängige (Rüdiger Vogler), und der zerknautschte Selbstmordkandidat, den er „Kamikaze der Verwegene“ nennt (Hanns Zischler), fahren zusammen weiter, die Zonengrenze entlang von der Elbe bis nach Hof.

Ihre erste Begegnung ist fast stumm. Sie brummeln und sehen sich von der Seite an, Kamikaze scheel und mißmutig, King amüsiert und freundlich. Er ist der überlegene Gastgeber und sorgt ein bißchen für den durchnäßten Finsterling. Sie sind sich, auf ihre Art, sympathisch, und uns auch; sie kommen ohne viele Worte aus, und wir wollen alles über sie wissen.

King zuckelt seit zwei Jahren allein durchs Land und repariert die Vorführgeräte in vergammelten Dorfkinos. Hinten in seinem Laster stehen ein paar Projektoren und eine Musikbox. Er wirkt sehr ruhig und sicher in seiner Einsamkeit. Kamikaze dagegen, der Kinderpsychologe war und gerade seine Frau verlassen hat, stochert mit gerunzelter Stirn im Scherbenhaufen seines vermasselten Lebens herum. Ab und zu versucht er anzurufen, aber seine Frau hängt immer gleich wieder ein. Er wundert sich: „Daß das geht, immer allein?“ King, ganz souverän: „Das geht schon, immer besser.“ Im Lauf der Zeit werden sie auch zusammen zurechtkommen, immer besser.