Von Peter Wapnewski

I

Wunderliches ist zu vermelden: Fünfundzwanzig Literaturkritiker, darunter einige der prominentesten und einige der klügsten, vom Literaturmagazin des Südwestfunk-Fernsehens zur Erstellung einer „Besten-Liste“ aufgefordert (die den mannigfachen Manipulationen der mannigfachen „Bestseller-Listen“ entgegenwirken soll), loben ein Buch weit an die Spitze, dessen Titel eher auf elitär-soziale Abseitigkeit zu deuten scheint –

Peter Rühmkorf: „Walther. von der Vogelweide, Klopstock und ich“; dnb 65, Rowohlt Verlag, Reinbek, 1975,190 S., 12,– DM.

Die Titel-Trias kokettiert mit Vermessenheit. Indes ist die Zusammenstellung so absurd nicht. Es geht um den Dichter als den Ich-Sager schlechthin, geht um Kunst als Ausdruck von Zeit und Bewußtsein und Sein, geht um die „soziale Konditionierung“ von Lyrik. Die Geschichte der deutschen Literatur, bürgerlich oder nicht, ist sich darüber im klaren und einig, daß Walther von der Vogelweide der erste war, der sein Individuum, freudvoll gelegentlich, leidvoll zumeist, in seine Verse hat einschießen lassen. Und die Geschichte der neueren Lyrik, also die der Empfindungs-, der Bekenntnis-Lieder, setzt ein mit dem großen, so viel gerühmten und sparsam gelesenen Klopstock. Diese Dichter haben hergestellt, was schließlich bei Gottfried Benn als „Lyrisches Ich“ dichtet und denkt, und wer wollte bezweifeln, daß auch Peter Rühmkorf, virtuoser Meister versgewordener „Kunststücke“ (1961), intimer Kenner und Erforscher gereimten und ungereimten „Volksvermögens“ (1967), Biograph („Wolfgang Borchert“, 1961), Stückeschreiber („Was heißt hier Volsinii“, 1969) und Herausgeber (darunter der Gedichte Klopstocks, 1969) – wer wollte ernstlich in Frage stellen, daß Rühmkorf ein Recht hat, sich in diese Tradition zu reihen? Die Tradition also des Produzenten von Dichtung, der als Verkäufer seiner selbst „nicht viel mehr ist als Wanderarbeiter. Saisonjobber. Unständige Obstpflücker oder hausierende Ambulante. Früher von Hof zu Hof, von Kloster zu Kloster, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt; dann – Klopstock – von Finanzier zu Finanzier, von Gönner zu Gönner, von Verleger zu Verleger; na und wir heute – bitteschön – von Funk zu Funk, von Kunstverein zu Kunstverein, von Zeitung zu Zeitung, von Fall zu Fall.“

So der Dichter in einer Diskussion mit Jürgen Manthey, die in dem neuen Buch zwischen das Kapitel Klopstock und das Kapitel Rühmkorf eingeschoben ist und die, verdreht und von Sprachäquilibristik übersponnen, zu ihrem Schaden Manthey allzusehr abdrängt in die Rolle nur des Stichwortgebers: Wenn er „Geschmack“ auffaßt als „Antwort auf bestimmte gesellschaftliche Konditionierungen“, dann übertrumpft ihn Rühmkorf: „Wo das Subjekt zum Rollenträger wird (nicht im Sinne des lyrischen Ich‘, das ist allein durch sein Im-Gedicht-Sein definiert und damit abgeschlossen), handelt es sich keineswegs um Konditionierung nur einerseits. Die These auf das So-oder-so-Gewordensein heißt ja in Wirklichkeit nicht nur ‚Ich‘, sondern Wirichsalle. Das Ich reflektiert sich nach vorn auf ein Kollektiv zu.“

Man sei unbesorgt: Diese triste Melange von Heidegger und Adorno ist nicht die sprachliche Substanz des Buchs. Der Kunststückler Rühmkorf kann mehr und anderes, und daß er reflektierend – – gar „nach vorn“ reflektierend – schließlich auf etwas namens „Wirichsalle“ stößt, wird ihm nachsehen, wer sieht, daß ihn das Nachdenken nie in Ruhe läßt. Eben auch da nicht, wo früher Lyrik selig in ihr selbst ruhte und sich gedankenlos-reich verströmte. Falls das je so sollte gewesen sein – aber das ist ein anderes Kapitel. Rühmkorf jedenfalls zitiert nicht von ungefähr Benns „Armen Hirnhund“, und überhaupt ist viel Benn in ihm. Doch davon später. Zuvor nämlich ist das erstaunliche Faktum der Wirkung dieses ja doch wenn nicht elitären, so doch allemal intellektuell ambitiösen Buchs zu erörtern. Diese Wirkung hängt an dem Reiznamen Walther von der Vogelweide. Das gibt zu denken.