Der deutsche Aktienmarkt hat Nachschubschwierigkeiten. Es fehlt offensichtlich an Geld für weitere Käufe. Nur sie könnten die Kurse weiter nach oben bringen. Der überwiegende Teil der Tagesumsätze an den deutschen Börsen resultiert zur Zeit aus sogenannten Tauschoperationen, an denen die Investment-Fonds maßgeblich beteiligt sind. Glücklicherweise gibt es bei ihnen keine einheitliche Marschrichtung, sondern recht unterschiedliche Meinungen über die besten Papiere „von morgen“.

Anhaltender Beliebtheit erfreuen sich die Versorgungs-Aktien. Die Hauptversammlung des RWE, größter deutscher Stromerzeuger, hat deutlich gemacht, daß die zu erwartende bessere Auslastung der Kapazitäten automatisch Ertragsbesserungen zur Folge haben wird. Dies um so mehr, als es gelungen ist, überall Strompreiserhöhungen durchzusetzen. Gleichzeitig ist die Furcht vor, Mammutkapitalerhöhungen gesunken. Die großen Gesellschaften finanzieren einen Teil ihrer Investitionen an der Börse vorbei, über Gründung von Beteiligungsunternehmen oder über Leasing-Gesellschaften. Hinzu kommt, daß man wegen des Konjunkturrückschlages den Aufbau neuer Erzeugungskapazitäten strecken kann.

Unter diesen Aspekten wird es verständlich, wenn die RWE-Aktien ihren Dividendenabschlag in relativ kurzer Zeit wieder aufgeholt haben und wenn auch die anderen Aktien dieser Branche nach oben klettern. Am wenigsten steigen übrigens die Papiere des Badenwerks, dessen Börsenimage durch die Ereignisse um das zunächst zurückgestellte Kernkraftwerk Wyhl mächtig gelitten hat.

Eine Imagebesserung haben dagegen die Hamburgischen Electricitäts-Werke aufzuweisen. Nicht weil man das aktionärsfeindliche Verhalten des Großaktionärs, der Hansestadt Hamburg, vergessen hat, sondern weil bei HEW 1976 mit einer ins Gewicht fallenden Gewinnbesserung (und damit wohl wieder auch mit einem Bonus von 0,50 Mark) zur Dividende von 6,50 Mark zu rechnen ist. Zur Kursbesserung der HEW-Aktien hat ferner beigetragen, daß auch 1976 keine Kapitalerhöhung vorgenommen werden soll. Obwohl mehr als 75 Prozent des HEW-Kapitals bei der Stadt liegen, gab es bei den letzten Kapitalerhöhungen stets Plazierungsprobleme.

Die Gerüchte über eine angebliche Teilprivatisierung des HEW-Kapitals sind vom Hamburger Senat mit Nachdruck dementiert worden. Gleichwohl will man wissen, daß Beamte mit der Untersuchung der Frage beauftragt waren, was denn der Verkauf einer HEW-Schachtelbeteiligung für die leer gewordene Stadt-Kasse bedeuten würde. Wer Arbeitsplätze in der Hansestadt erhalten und den Hafen sicherer machen will, könnte Millionenerlöse aus dem Verkauf von HEW-Aktien sicher brauchen. Doch die Ideologen sind dagegen. K.W.