Unsere Großstädte sind in einem trostlosen Zustand. Sie ersticken an ihren Problemen. Der Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt kennt das alles aus eigener leidvoller Erfahrung. Für den Verlag BONN AKTUELL hat er sich von der Seele geschrieben, was sich in vier OB-Jahren aufgestaut und angesammelt hat an Kenntnissen und Einsichten, an guten Vorsätzen und an Resignation, an Perspektiven und Ratschlägen, an nüchterner Analyse und parteipolitischer Polemik.

Rudi Arndt: „Die regierbare Stadt. Warum Menschen ihre Stadt zurückgewinnen müssen“; Verlag Bonn Aktuell, Stuttgart 1975; 98 S., 12,80 DM.

Im Vorwort wünscht sich der Herausgeber, eine „lethargisch vor sich hinlebende Öffentlichkeit“ möge alarmiert werden. Nun: lange bevor sich Rudi Arndt des Themas verbal annahm, haben die Frankfurter Jungsozialisten alle Anstrengungen unternommen, die Bürger zum Protest gegen eine Kommunalpolitik zu mobilisieren, die zur unmenschlichen Stadt führte; sehr zum Verdruß des Autors, der auf diese Weise zwischen dem Anspruch seiner Partei und dem „Machbaren“ hin und hergerissen wurde. Von diesem Konflikt ist auch sein Buch geprägt. Der Zustand kollabierender Großstädte wird sehr treffend beschrieben, aber es bleibt eben bis zum Schluß die Frage offen, wie es denn dazu kommen konnte, wenn man weiß, daß das ein böses Ende nehmen mußte.

Nur einige Beispiele: Rudi Arndt bemängelt, daß die meisten Menschen den Überblick über die Zusammenhänge verloren haben und sich ohne Einfluß auf Entscheidungen sehen. Da drängt sich doch die Frage auf, warum das so ist. Was haben denn die politischen Parteien getan, um dem einzelnen mehr Einflußmöglichkeiten zu geben?

Da wird so getan, als ob die politischen Parteien erst noch erfunden werden müßten, da drückt man sich um die politische Verantwortung herum. Wenn Kommunalpolitik Gesellschaftspolitik ist, wie Rudi Arndt betont (und da muß man ihm zustimmen), dann sind die Parteien doch wohl für jenen Zustand verantwortlich, den Autor Arndt so herzzerreißend beklagt.

Die Konflikte in den Städten seien in der Vergangenheit im allgemeinen zugunsten des wirtschaftlichen Wachstums entschieden worden, blickt Rudi Arndt kritisch zurück. Der Vollständigkeit halber muß man hinzufügen, daß in den meisten Großstädten Sozialdemokraten regieren. Auch das Klagelied über den Ärger mit den Sozialwohnungen, die von Mietern bewohnt werden, die keine „Sozialfälle“ sind, hat eine Strophe zuwenig. Es war nämlich lange genug Zeit, etwas dagegen zu tun. Rudi Arndt bietet in seinem Buch ein fix und fertiges Rezept dagegen, bis auf Heller und Pfennig durchgerechnet. Papier ist geduldig.

Aber der Sozialdemokrat Arndt zeigt auch die Grenzen auf, die ihm in seiner eigenen Partei gezogen sind. Bei der Darstellung gesellschaftspolitischer Zielvorstellungen innerhalb der Kommunalpolitik wird die Frage nach der privaten Verfügungsgewalt an Grund und Boden gestellt. Ein Beispiel von grundsätzlicher Bedeutung. Jedoch: Für diese Art der Problemlösung gibt es in der SPD keine Mehrheit. Der Autor Arndt ist jedoch nicht der Mann, der über Widersprüche stolpert und zu Fall kommt: letztlich müsse man sich eben doch an Zielen orientieren, die unter den jetzt gegebenen Umständen zu erreichen seien.