Die Weinbauern zwischen Rhone-Mündung und Pyrenäen proben erneut den Aufstand

Im vergangenen Sommer begnügten sich die südfranzösischen Weinbauern noch damit, den Touristen den Weg in den Urlaub zu versperren und damit ein gigantisches Verkehrschaos zu schaffen. Diesmal holten sie, um ihrem Unmut Luft zu machen, die Gewehre aus dem Schrank. Das traurige Ergebnis: ein toter Polizist, mit Jagdmunition erschossen; ein toter Winzer, von einer verirrten Kugel aus einer Maschinenpistole getroffen.

Seit Jahren gärt es im französischen Süden. Hier gibt es zwar weniger Arbeitslose als im übrigen Land. Aber das kommt allein daher, daß Industrie fast unbekannt ist. Der Midi, die Gegend zwischen Rhone-Mündung und Pyrenäen, lebt überwiegend vom Weinbau. Erstklassige Reben gediehen hier allerdings noch nie: Die Region Languedoc-Roussillon produziert den Gros Rouge, einen billigen Rotwein, der zwar an Bistro-Theken Abnehmer findet, aber als Tischwein kaum gefragt ist.

Dieses Qualitätsproblem wurde relativ früh erkannt, doch gelöst ist es noch immer nicht. Zwar stehen minderwertige Rebsorten heute nur noch auf einem Viertel der Anbaufläche. Aber was sonst gekeltert wird, muß ebenfalls mit süßeren und alkoholhaltigeren Weinen italienischer Provenienz verschnitten werden. Und italienischen Wein ist nicht nur süßer, er ist auch immer billiger geworden.

Seitdem der Lira-Kurs fast ins Bodenlose sinkt, Nacht die Tankwagen voll Vino Rosso Tag und Nacht über die Grenze in den Midi. Acht Millionen Hektoliter waren es 1975, doppelt so viel wie zwei Jahre zuvor. Von Anfang 1973 bis Ende 1975 haben sich zwar die Preise für diese Importe in Lira gerechnet leicht erhöht, in Francs jedoch sind sie um rund ein Drittel gefallen. Da für die französischen Winzer die Produktionskosten gleichzeitig um vierzig Prozent gestiegen sind, fühlen sie sich zu Recht der italienischen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert.

Die im vergangenen September von Paris (gegen die EG-Vorschriften) erlassene Einfuhrsteuer hat daran nichts geändert, denn der Kurssturz der Lira hat diese Importverteuerung wieder egalisiert. So stoppen seit Monaten schon rebellische Winzer die italienischen Tankwagen und gießen den importierten Wein hektoliterweise in den Straßengraben. Anfang März holte ein nächtliches Kommando, in zwei Bussen angereist, dann zum bisher größten Schlag gegen einen Importeur und Händler aus. Die Bilanz: 30 Tankwagen, 82 Tanks, 40 000 Flaschen und 14 Millionen Liter Wein wurden zerstört. Die Polizei begnügte sich damit, die Autonummern zu notieren. Als sie dann ein paar Tage später die Haupträdelsführer verhaftete, sahen deren Kollegen die Zeit für den Aufstand gekommen. Nach einer Nacht wilder Zerstörung griff die Polizei ein und lieferte sich mit den Winzern ein tödliches Gefecht. Schockiert konstatierte die Tageszeitung Quotidien de Paris: „Blut im Wein.“

Im Grunde traut sich auch heute noch niemand, den Winzern klipp und klar zu sagen, daß ihr Wein keine Zukunft hat. Die Regierung hat Angst vor dem Zorn der starrköpfigen Südfranzosen, die sich noch heute auf die blutigen Albigenserkriege des 13. Jahrhunderts berufen. Inzwischen finden Autonomiebestrebungen unter dem Banner Okzitaniens gerade in den Wein-Departements viele Anhänger. Ähnlich wie in Korsika im vergangenen Sommer vermischen sich politische Motive mit dem Bedürfnis nach eigenständiger Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung. Wären im Midi Studenten oder Arbeiter auf die Barrikaden gegangen, hätte Paris schon längst hart reagiert.