Von Fritz J. Raddatz

Was für ein Buch: Symbiose aus Wortkunstwerk und Bildnis, eines das andere tragend, verursachend; Porträt und Autoporträt, Roman und Hommage –

Louis Aragon: „Henri Matisse Roman“, aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Belser Verlag, Stuttgart, 1975; 358 und 370 S., zusammen 248,– DM

Nach Jahren der Bewunderung aus der Ferne, lernt der dreiundvierzigjährige Louis Aragon „den Maler der Farbe“ kennen, von dem Picasso gesagt hat: „Nie hat ein Maler die Malerei bis zum Ausbruch eines solchen großen Lachens gekitzelt wie Matisse.“ Man schreibt das Jahr 1941 – das Jahr der Erniedrigung Frankreichs, das Jahr von Aragons bedeutendem Gedicht „Die Rosen und der Flieder“. Und mit dessen Ton von Pathos und Trauer hebt dieses Buch an: „Wenn das Gewitter über das Haus der Menschen weggezogen ist, wenn sich der Fluß zurückgezogen hat, einen wunderlichen Wirrwarr von Gegenständen mit sich führend, in dem man alte, vergilbte Photos neben einer Kinderwiege findet, Geräte des täglichen Lebens neben Erinnerungen an den alten Krieg, den anderen, wenn die Straßen endlich die Flut der Massenflucht mit ihren abenteuerlichen Fahrzeugen, ihrem Gleichgewicht aus Matratzen, und Angst, ihren tragischen Aufbauten in den verwüsteten Hof, auf die leere Tenne, ins Ungefähre der Schuppen, der Plätze, der Bahnhöfe, der Paläste haben abfließen lassen, setzen sich die Kinder auf die Erde und zählen ihre zerbrochenen Spielsachen. Ich weiß nicht, Warum sich mir dies Bild mit der Macht der Verzweiflung aufdrängt. Wir sind diese Kinder, aber die heiligen Trümmer, über die wir beklommen Bilanz ziehen, sind keine Puppen, keine Bleisoldaten.“

Dieser stilistische Gestus trägt das Buch, das Aragon mit fast genüßlicher Ironie „Roman“ nennt. Im herkömmlichen Sinne ist dies kein Roman, vielmehr eine kühne Collage aus verschiedensten Elementen: Erinnerungen an Matisse, an Gespräche, Atelierbesuche, Modellsitzungen; essayistische Interpretationen spezifischer Malprobleme bei Matisse; Katalogvorworte, Zeitungsartikel, der Nachruf gar aus der „Humanité“; Gedichte; besonders reizvolle Variante: zahllose Randbemerkungen, die Matisse zu den ihm vorgelegten Manuskript-Teilen gemacht hat, Widerspruch, Korrektur, Zustimmung.

„Dieses Buch ist, wie es ist. Ich kann nichts dazu“, sagt Aragon, „verzeihen Sie mir. Ich habe es wahrscheinlich Roman genannt, damit man es mir verzeiht Tatsächlich fügt sich das scheinbar Disziplinlose, Zufällige zu einem grandiosen Kraftfeld. Matisse – nicht zufällig heißt die Hauptfigur eines frühen Prosatextes von Aragon so – wird zur Figur einer großangelegten Kunstprosa. Entstanden ist nicht die übliche Künstlermonographie mit schönen Abbildungen, sondern ein künstlerisches Ganzes. Das vordergründig Zusammenhanglose – „alles im Leben ist nur Zusammenhanglosigkeit“, sagt der Marxist Aragon – ist in Wahrheit epische Konstruktion. Die schließt drei Hauptelemente zusammen: Historie; eine psychologisierte Figur; reflektorische wie stilistische Allür.

Das Bemerkenswerteste ist, mit welch kühner – und für Deutsche beneidenswerten – Selbstverständlichkeit Aragon die historische-Kategorie der Nation einbezieht. Man kennt das aus all seinen Arbeiten; es ist kein Zufall, daß Aragon beim Nachdenken über den Roman-Charakter dieses Buches unentwegt auf die Schreiberfahrungen mit seinen anderen Büchern zurückgreift: „Glaubt man etwa, ich hätte Géricault zum Helden der ‚Karwoche‘ gemacht, wenn ich Matisse nicht gekannt hätte? Ein hübsches Thema für eine Doktorarbeit: suchen Sie in ‚Mise à Mort‘ und in ‚Blanche oder das Vergessen‘ das Schattenbild Matisses ...“.