Von Rudolf Herlt

Menschen mit einem gesunden Sinn für Stilfragen. würden es ablehnen, über sich selbst zu Gericht zu sitzen. Albert Osswald, der Ministerpräsident des Landes Hessen, denkt da anders. Er fand nichts dabei, am letzten Sonntag als stellvertretender Vorsitzender der Gewährträger Versammlung der Hessischen Landesbank an einer Sitzung teilzunehmen, auf der dieses oberste Gremium der Bank darüber beraten hat, ob aus der Mitverantwortung des Verwaltungsrats an verlustreichen Geschäften aus der Zeit vor 1973 Konsequenzen zu ziehen sind. Vorsitzender des Verwaltungsrats war damals Albert Osswald.

Mag sein, daß selbst solch ein massiver Verstoß gegen die Regeln des politischen Anstands dem Ministerpräsidenten nichts schadet. Aber müßte nicht seine Partei, die SPD, aufbegehren und ihn aus Angst, Wähler zu verlieren, zurückpfeifen? In der gegenwärtigen Lage ist nicht einmal das zu erwarten. Denn das Niedersachsen-Syndrom hat alle anderen sozial-liberalen Landesregierungen zur Hinnahme auch schwerer Schläge verdammt.

Außerdem glaubt Osswald, daß sein Verhalten zumindest formal gerechtfertigt ist. Das Gutachten einer Treuhandgesellschaft, das jene Sonntagssitzung notwendig machte, hat zwar die Verantwortlichkeiten der einzelnen Vorstandsmitglieder für die Fehlentscheidungen in der Vergangenheit festgelegt, die Mitverantwortung des aufsichtsführenden Verwaltungsrats aber nix dem Gremium insgesamt, nicht seinen einzelnen Mitgliedern, bescheinigt. Die Gutachter haben sich dabei streng an ihren Auftrag gehalten. Auf Veranlassung des Verwaltungsrats, dessen Vorsitzender Albert Osswald war, wurde im Herbst 1974 die Treuhandgesellschaft beauftragt, „die Verantwortung der einzelnen Vorstandsmitglieder und des Verwaltungsrats“ bei namentlich genannten Engagements der Bank zu untersuchen. Wegen dieser Engagements fehlten der Bank aus realisierten Verlusten, sichtbar gewordenen Verlustquellen und Risiken insgesamt 1,8 Milliarden Mark.

So feine Unterschiede machen Politiker, wenn sie sich anschicken, Eiterbeulen der Vergangenheit aufzustechen: Der Verwaltungsrat durfte nur als Gremium beurteilt werden, beim Vorstand dagegen das einzelne Mitglied. Die Auftraggeber haben damals sogar eine Begründung für die unterschiedliche Behandlung von Vorstand und Verwaltungsrat gefunden: Im Vorstand gebe es eine Arbeitsteilung, der Verwaltungsrat trete dagegen immer als Gremium auf.

Aus dem Gutachten läßt sich deshalb nicht einfach herauslesen, daß Albert Osswald Mitverantwortung trage und deshalb schadenersatzpflichtig gemacht werden müsse. Allenfalls läßt sich Osswalds Mitverantwortung aus dem Satz ableiten: „Wir sind nach dem Ergebnis unserer Untersuchungen der Auffassung, daß auch der Verwaltungsrat für den bankwirtschaftlich nicht vertretbaren Erwerb der Mehrheitsbeteiligung an der Investitions- und Handelsbank (mit-)verantwortlich ist.“ Der Vorsitzende des Verwaltungsrats war damals eben Albert Osswald.

Es muß jemand gegeben haben, der diesen Schluß gar nicht erst aufkommen lassen wollte. Denn gegen mögliche Vorwürfe und Schadenersatzforderungen kann der am besten bestehen, dem es gelingt, möglichst viel Schuld auf andere abzuladen. Nur aus diesen Gründen ist es verständlich, warum Teile des Gutachtens aus dem Kreise der Gewährträgerversammlung einer Nachrichtenagentur zugespielt wurden. Das Motiv des bisher unbekannten Informanten kann nur so gedeutet werden: Er wollte die Verantwortung beim Erwerb der Mehrheit an der damals schon gefährdeten Investitions- und Handelsbank (IHB) nahezu ausschließlich dem ausgeschiedenen Präsidenten der Hessischen Landesbank, Wilhelm Hankel, und einigen anderen Vorstandsmitgliedern zuschieben.