Von Gottfried Sello

Obschon es möglich ist, unsere werke zu lieben ohne sie verstanden zu haben, ist es kaum möglich, sie voll zu genießen, ohne die bei ihrer entstehung angewandten methoden wenigstens zu ahnen." Das hat Max Bill vor vierzig Jahren geschrieben, als er in Paris seine "fünfzehn Variationen über ein thema" veröffentlichte. Es war die erste Publikation einer systematischen Reihe mit einem die Methode erklärenden Begleittext, und wahrscheinlich war sich damals nicht einmal der Autor klar darüber, was er damit angerichtet und in die Wege geleitet hatte. Heute, vier Jahrzehnte danach, ist die Bedeutung dieser Variationsreihe leicht einzusehen, weil wir die Folgen kennen, die sie ausgelöst hat, die unzähligen Versuche, die in die gleiche Richtung gehen, bis zu den jungen Konstruktivisten der siebziger Jahre, die nach streng mathematischen Prinzipien arbeiten und tabellarisch errechnete, nachrechenbare Ergebnisse vorweisen.

Man kann solche Werke lieben, ohne sie zu verstehen, sagt Bill, der sein Publikum kennt und mit der Trägheit des Denkens rechnet. Aber sein didaktischer Appell ist unüberhörbar: Wenn ihr sie voll genießen wollt, müßt ihr euch anstrengen. Dazu ist jetzt in Hamburg Gelegenheit, wo sein vielfältiges Werk zu besichtigen ist.

Worum geht es in der ersten Variationsreihe? Das Thema wird im Text so prägnant wie in einem Lehrbuch der Mathematik beschrieben. Es "zeigt eine kontinuierliche entwicklung, welche von einem gleichseitigen drei-eck in ein gleichseitig-gleichwinkliges acht-eck überführt, das heißt, jene seite des drei-ecks, welche die fläche schließen würde, fällt weg. sie wird durch eine seite des vier-ecks (quadrat) aufgenommen, wodurch die drei-eck-fläche geöffnet und nur angedeutet bleibt, so sind sämtliche Übergänge der Vielecke zueinander durchgeführt, woraus sich ein spiral-ähnlicher ablauf ergibt..."

Und nun werden in den folgenden Blättern fünfzehn Variationen vorgeführt, die dem Thema formal und mit der Farbe eine geradezu unglaubliche, aber keineswegs voraussehbare Fülle ganz verschiedener Lösungen abgewinnen. Einmal tritt das Thema als kräftige Linie hervor, begleitet von feinen, gleichgroßen Kreisen; ein andermal wird es auf farbige Punkte reduziert, die den Winkeln des Themas entsprechen; drittens werden die Schwerpunkte der Vielecke mit den dazugehörigen Eckpunkten verbünden, was ein System sich überschneidender sternförmiger Figuren ergibt; dann wieder sind es die eingeschriebenen Kreise der Vielecke, die eine durchlaufende Spirale bilden, wobei die farbige Differenzierung noch einen zusätzlichen Variationsfaktor darstellt.

Jede dieser Variationen wird vom Autor ausführlich erläutert; der Betrachter, wenn er sich Mühe gibt, kann den Schritt von der einen zur andern nachvollziehen. Es ist erfreulich; es verschafft ihm ein Gefühl der Befriedigung, wenn er das, was auf der Bildfläche geschieht, einsehen kann.

Aber die Frage nach dem künstlerischen Sinn und Nutzen mathematischer Operationen ist damit nicht entschieden, obgleich Max Bill sich in zahlreichen Texten um eine Theorie der "mathematischen Denkweise in der Kunst" bemüht hat. Deren Ergebnisse sind, wenn man auf der aktuellen konstruktivistischen Kunstszene Umschau hält, oft genug von einer deprimierenden Dürftigkeit.