Von Adolf Holl

Der Kardinal wohnt in einem barocken Palais, gleich neben dem Stephansdom. Der alte Haupteingang wird verschlossen gehalten. Man muß um die Ecke biegen, gelangt durch die Einfahrt des modernen Bürohauses der Erzdiözese Wien in den alten Arkadenhof und über eine Prunkstiege zum Vorzimmer des Kardinals. Im Palais ist es sehr still, sein Bewohner will es so haben. Während der letzten 20 Jahre bin ich vielleicht zehnmal über die Prunkstiege gegangen, einige Male im angenehmen Lampenfieber vor einer ehrenvollen Begegnung, später in der unangenehmen Erwartung einer Ungnädigkeit.

Manche meiner Gespräche mit dem stillen Herrn in der schwarzen Soutane waren für mich folgenschwer, was sich jedoch immer erst später herausstellte, nach Wochen oder Monaten. Der stille Herr hat niemals die Stimme gehoben, wenig und stets leidenschaftslos gesprochen. Manchmal lächelte er mit den Augen. Die stärkste mir erinnerliche Äußerung des Kardinals auf eine von mir ausgesprochene Kritik an seiner kirchenpolitischen Zurückhaltung: „Ich bin auch nur ein Mensch, der mit heraushängender Zunge seinen Pflichten nachzukommen versucht.“

Anderthalb Jahre nach dem Erscheinen meines Buches „Jesus in schlechter Gesellschaft“ wurde ich nach langer Zeit wieder ins Palais gebeten. Im Vorzimmer traf ich einen Prälaten, der sollte bei dem Gespräch anwesend sein. Dann das vertraute Zeremoniell: Der Kardinal öffnet selbst die Tür zu seinem Salon, drückt mir die Hand, deutet zur Sitzgruppe. Immer bin ich mit dem Rücken zur Wand gesessen, den Blick auf die hohen Fenster in den Arkadenhof. In den Gesprächspausen hört man das Ticken einer alten Uhr. Der Aschenbecher auf dem Tisch ist leer.

Der Kardinal blättert in den Papieren einer Mappe, er spricht über die Kontroversen, die mein Buch vor Jahresfrist hervorgerufen hat. Zwei Punkte seien nach wie vor wichtig. Ob Christus der Sohn Gottes sei. Ob er die Kirche und damit die Priester gewollt hat. Beides hätte ich in Zweifel gezogen und mich damit in Gegensatz zur kirchlichen Lehre gesetzt. Vielleicht wäre es angemessen, wenn ich – in einer neuen Auflage meines Buches – ein klärendes Nachwort schreiben würde, sagt der Kardinal.

Das lehne ich ab, ich will meine wissenschaftlich begründeten Thesen nicht zurückziehen, man möge mich widerlegen, sage ich, das sei bis jetzt nicht geschehen. Der Prälat mischt sich ins Gespräch, er habe kürzlich eine theologische Neuerscheinung gelesen, über den Einfluß der griechischen Philosophie auf die christologischen Spekulationen des frühen Christentums. Das Gespräch wird vertrackt, wir befinden uns in der Antike, die Uhr tickt, ich bitte um Raucherlaubnis. Nach einer Stunde erhebt sich der Kardinal, man ist zu keinem Ergebnis gelangt.

Acht Monate später, im Juni 1973, hat mir der Kardinal die kirchliche Lehrbefugnis entzogen.