Von Karl-Heinz Wocker

Ian Smith ist wie ein guter Tabaksbeutel: ledern, abgewetzt, aber anschmiegsam, und eh man sichs versieht, hat man ihn schon zehn Jahre. Der rhodesische Premier entstammt einer Familie schottischer Herkunft, worauf außer dem ersten auch der zweite Vorname, Douglas, unmißverständlich hindeutet. Aber er selbst wurde bereits in Rhodesien geboren und ging dort auch zur Schule; nicht einmal Oxford oder Cambridge besuchte er anschließend, sondern die Rhodes-Universität in Südafrika. Er ist also Rhodesier von echtem Schrot und Korn, und wenn er mit seinem altjüngferlichen Charme weiße Wählerinnen auf deren Gardenparties anspricht, ist er einer der ihren. Mit Großbritannien verbindet ihn nur eines, und das diskreditiert ihn in rhodesischen Augen nicht: Als Zwanzigjähriger zog er an der Seite des Mutterlandes in den Krieg, als Pilot der Royal Air Force (Nordafrika und Europa). Er brachte es bis zum Leutnant und kehrte 1945 auf seine Farm zurück. Viel von der Welt hat er nicht gesehen.

Nun hat der rhodesischen Politik immer etwas Provinzielles angehaftet. Solange die Briten regierten (bis 1963 per Dominium, dann noch einmal kurz als Kolonialmacht bei zugestandener Selbstverwaltung), sahen die Tabakpflanzer ihr Heil einzig in guten Absatzbedingungen. Erst nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung vom November 1965 mußten sie sich nach eigenen Staatsmännern umsehen. Ihre Wahl fiel auf den Mann, der bis 1961 in der „united federal party“ als Fraktionsführer mitgewirkt, sie aber aus Protest verlassen hatte. Ian Smith half die „Rhodesische Front“ gründen, und mit ihr regiert er das Land seitdem unangefochten.

Die Rhodesische Front ist auch ledern, aber nicht anpassungsfähig. Sie hat eine Verfassung und ein Wahlsystem durchgedrückt, mit denen jeder Imbecile leicht zu herrschen vermöchte. Bei den sogenannten Wahlen vom Juli 1974 gab es 77 Prozent der Stimmen von rund 80 000 weißen Wählern. Von den Schwarzen des Landes waren nur etwa 7000 stimmberechtigt. Die Weißen wählten 50 Abgeordnete, die Schwarzen acht – das entsprach dem Verhältnis der Wähler, wenngleich nicht dem der Einwohner. Denn in Rhodesien leben 275 000 Europäer und 5.8 Millionen Afrikaner.

Dieses Mißverhältnis zwischen Wahlfähigen und Wahlberechtigten umschreibt das Problem Rhodesien. Die einseitige Unabhängigkeit kam zustande, weil die Weißen von einer Mehrheitsherrschaft nichts wissen wollten. Damals, 1965, war das Land umgeben in West und Ost von den portugiesischen Kolonien Angola und Mozambique und von den Rassentrennern des Vorster-Regimes in Südafrika. Jetzt ist der Flankenschutz entfallen, und Vorster rät Smith offen zur Verständigung mit den Afrikanern.

Aber den Ian Smith haben auch schon verschiedene britische Kabinette falsch eingeschätzt. Mit Wirtschaftssanktionen glaubten sie, das auf leichten Profit eingestellte weiße Siedlervolk rasch in die Knie zu zwingen. Ian Smith entwickelte dagegen eine Strategie der gestuften Scheinkonzessionen, der sich die Londoner Außenminister Steward, Brown, wieder Stewart, Douglas-Home und Callaghan in abnehmendem Maße gewachsen zeigten. Er erklärte sich mehrmals zu Verhandlungen bereit. Die Briten hielten ihm sechs Forderungen entgegen, von denen sie in der Völkerrechtstheorie bis heute nicht abgewichen wild. Dazu gehört der zügige Fortschritt in Richtung auf eine Mehrheitsherrschaft, das Ende jeder Rassendiskriminierung und die Vorsorge gegen jede Unterdrückung der Mehrheit durch die Minderheit und umgekehrt. Die Briten suchten also auch über den Tag des Machtantrittes der Afrikaner hinaus vorzusorgen. Solche Aufmerksamkeiten schlug Smith in den Wind. Er baut auf die geographische Distanz zwischen Salisbury (Rhodesien) und Salisbury (England). Er wußte, daß dem Ex-Weltreich nicht länger die Mittel gegeben waren, die Oberhoheit der britischen Krone in einem Land weit südlich der Äquator-Linie durchzusetzen.

Die Porträts, die Mitte der sechziger Jahre in britischen Zeitungen über Ian Smith geschrieben wurden, hatten alle eines gemeinsam: überhebliche Unterschätzung. Der rhodesische Premier mit dem wachsenden Stehvermögen wurde dargestellt, wie man später den Präsidenten Amin konterfeite: Als ein drittklassiger Matador. Das lag daran, daß die meisten Briten mittlerweile über Rhodesien so wenig wußten wie die Rhodesier über ihr einstiges Mutterland.