Von Wolfram Tichy

Seit mehr als fünfzehn Jahren rafft sich in schöner Regelmäßigkeit alle zwei bis drei Jahre jemand in Deutschland auf, einem der großen amerikanischen Filmkomiker mit mehr oder weniger großem Erfolg zu einer Wiederentdeckung zu verhelfen. Nach Buster Keaton, Laurel & Hardy, den Marx Brothers, Harry Langdon, W. C. Fields und Chaplin erfolgt nun die Wiederaufführung des erfolgreichsten Films von Harold Lloyd: „Feet First“ (Der Traumtänzer) von 1930, der erste Tonfilm des großen Komikers mit der Brille, gehört trotz deutlicher Schwierigkeiten, mit dem damals neuen Medium zurecht zu kommen, schon wegen seiner virtuosen Schlußpassage am Wolkenkratzer zu den komischsten Werken der Filmgeschichte.

Fast zwanzig Jahre lang gehörte Harold Lloyd zu den gefeierten Filmemachern der Welt, verkörperte er in der Nachfolge Douglas Fairbanks’ den ewig optimistischen, strebsamen, modernen jungen Mann, der nach zwei erzamerikanischen Maximen lebte, die besagen, daß ein Weg dort sei, wo ein Wille ist, und ein Freund dort, wo man sich um einen bemüht. Einem Publikum, dessen Interesse in einer Zeit ungetrübten nationalen Selbstbewußtseins und Fortschrittsglaubens vorwiegend auf das eigene Vorwärtskommen gerichtet war, zeigte Harold Lloyd, daß man Erfolg hat, wenn man nur will.

In ihrem Handlungsablauf ähneln seine Filme denen Buster Keatons: Ein Mann muß eine Reihe von Prüfungen, auf die ihn sein bisheriges Leben absolut nicht vorbereitet hat, überstehen. Seine Motivationen sind jedoch – abgesehen davon, daß es für beide auch um eine Frau geht – sehr verschieden. Während Keatons Abenteuer sich nur selten auf dessen eigenen Willen zurückführen lassen, ist der Motor der Filme Lloyds (mit der möglichen Ausnahme von „Why Worry“, einer eher Keaton gemäßen Farce, die deshalb auch zu Lloyds weniger erfolgreichen Filmen gehörte) der explizite Wunsch, sich im Leben durchzusetzen und dabei möglichst viele Freunde zu gewinnen: Keatons Abenteuer dienten immer nur der Bewältigung konkreter, meist von außen an ihn herangetragener Gefahren; an ihrem Ende hat man den Eindruck, daß sie absolut noch nicht zu Ende sind, wogegen fast alle Abenteuer Harold Lloyds zu einem Abschluß kommen, an dem der Held am Ziel all seiner Wünsche ist und getrost der Zukunft entgegenblicken kann. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird nämlich auch ihm klar, daß seine bisherigen Fehlschläge mehr auf eine psychologische Sperre als auf ein reales Hindernis zurückzuführen sind.

Am bildhaftesten wird die Lehre von der Ambition und ihrem Verdienst in den beiden Filmen „Safety Last“ (1923) und „Feet First“ (1930), in denen Lloyd auf Wolkenkratzern herumklettert. Diese halsbrecherischen Eskapaden sind zu seinem Wahrzeichen geworden. Zwar haben sich viele andere Komiker des gleichen Einfalls bedient, niemand hat ihn jedoch mit so viel Grazie und Einfallsreichtum variiert wie Harold Lloyd. Insgesamt fünfmal variierte er diese Situation und erreichte jedesmal einen höheren Grad der Perfektion. In den beiden genannten Filmen spielt er einen strebsamen, aber erfolglosen Verkäufer, der in die Zwangslage gerät, entweder seine Ungeschicklichkeit oder seine Balance und damit sein Leben zu verlieren. Da er natürlich überlebt, winken ihm am Schluß eine wohlbezahlte Stellung und ein Mädchen, das, wie er, aus bescheidenen Verhältnissen stammt.

Natürlich hätte sich kein Publikum auf Dauer diese Predigten eines Himmelsstürmers mit Realitätssinn gefallen lassen, wären sie nicht so unterhaltsam, daß man geneigt ist, die Moral darüber zu vergessen. Lloyd bemerkte schnell, daß in einer Komödie nichts wichtiger ist als ein guter Gag, deshalb hat er sich stets mit den besten Gagmen zu umgeben gewußt. In seinen Filmen stecken mehr und bessere Ideen und komischere Situationen als in denen aller anderen Komiker.

Lloyds optimistisches Draufgängertum konnte jedoch den Stimmungswandel der Depression nicht sehr lange überleben. Als sein – erstaunlich dauerhafter – Erfolg nachließ, zog sich Lloyd, als kluger Geschäftsmann außerordentlich vermögend geworden, in sein riesiges Haus zurück und mußte mit ansehen, wie sein Ruhm zusehends verfiel und Kritiker ihn nur widerwillig in jenes Pantheon der großen Spaßmacher einließen, das eigentlich nur tragischen Komikern, Träumern und Anarchisten vorbehalten schien. Zu diesen hat der allseits beliebte, erfolgreiche Harold Lloyd jedoch nie gehört.