Von Rainer Deglmann-Schwarz

Wo die Rhône noch Rotten heißt, reihen sich beiderseits des Flusses altbekannte Schweizer Wintersportorte mit gut ausgebauten Pisten und Après-Pisten, Super-Liftschaukeln und berühmten Viertausender-Skitouren. An der Aletsch-Seite sind dies: Fiescheralp, Bettmeralp und Riederalp; von Brig, dem Hauptort des Oberen Wallis, fährt man über Visp nach Zermatt und Saas Fee. Weniger bekannt dagegen ist die Skiregion des Unteren Wallis mit den Seitentälern Val d’Anniviers und Val d’Herens, die von Sierre und Sion aus erschlossen werden. Wer gern diese und jene Piste ausprobiert und auf Abwechslung im Après-Ski bedacht ist, sollte Sion als Standquartier wählen. Zwar hat die alte, geschichtsträchtige Bischofsstadt mehr Burgen, Kirchen, Türme und Museen als Wedelhänge zu bieten, doch erreicht man von Sion innerhalb einer knappen Stunde rund 15 Skistationen. Was will man mehr?

Niemand, der mit Wintersportabsichten kommt, darf sich von den gelbbraunen Weinbergen zwischen Martigny und Sion entmutigen lassen, auch nicht vom „Patois“, dem unverständlichen Dialekt der Einheimischen. Je höher man in die Täler hinauffährt, desto mehr Schnee gibt es, und am Zielort helfen ein mit Schwyzer Akzent vermischtes Französisch (und häufig Deutsch als „Drittsprache“), alle Verständigungsschwierigkeiten zu überwinden: Man ist in der Französischen Schweiz.

Im Val d’Herens (Eringertal) herrschen im Sommer Eispickel, Steigeisen und Rucksack vor, denn die umliegenden Gipfel bieten mindestens 3600 Höhenmeter auf. In den Wintermonaten ist es etwas ruhiger; die Dörfer Evolène und Les Haudères bieten keine Voraussetzungen für Winterrummel. Der Bergwinter wird nur durch Wanderwege, neuerdings Langlaufstrecken und mehrere Übungslifte etwas „angereichert“. Aber der erfahrene Skitourist, der konditionsstarke Skibergsteiger findet ein Dutzend großartiger Touren. Am Abend treffen sich Dörfler und Gäste in den behaglichen Walliser Stuben, der rote Wein trägt zur freundschaftlichen Stimmung bei.

Den großen Skibetrieb gibt es im Val d’Hèrens natürlich auch, doch er findet im Talschluß statt: in Arolla, 2000 bis 2600 Meter hoch gelegen und damit schon ein Garant für gute Schneelage. Früher verschlief das kleine Dorf den Hochwinter und schreckte nur auf, wenn ein Skitourist vorzeitig auf dem Glacier d’Otomma die Superskitour der Haute Route abbrach und plötzlich im Tal auftauchte. Heute gibt es in Arolla eine Handvoll Lifte, über 20 Kilometer Pisten, Eisplatz, Curling, Rodelbahnen, Hotels, sowie Joan, eine gebürtige Engländerin, die als Posthalterin fungiert. Als besonders schön empfiehlt die Dame aus Liverpool die Pisten rund um den neuen Fontanesses-Skilift, und tatsächlich: wer hier gefahren ist, stimmt ihr zu; abwechslungsreiche Skibahnen, größtenteils oberhalb der Baumgrenze, nach bewährtem Schweizer Rezept sehr gut gepflegt und markiert.

Das Val d’Anniviers (Eifischtal), von Sion über Sierre zu erreichen, steigt bis auf 1678 Meter an; hier, im hintersten Schlupf, liegt Zinal, das seine Hoffnungen ganz auf den Club Mediterranée setzte. Vor ein paar Jahren noch ein weltfremdes, vom Schnee beinahe zugedecktes Bergdorf, entwickelte es sich innerhalb kürzester Zeit zu einem beachteten Skiort. Eine Seilbahn führt auf 2400 Meter Höhe, anschließende Lifte klettern bis auf 2900 Meter, ringsherum ragen Viertausender auf: Weißhorn, Zinalrothorn, Dent Blanche, Obergabelhorn und Grand Cornier.

Im Vorgelände breitet sich ein Skigebiet mit Pisten in allen Variationen, mit Matterhornblick und südlich-blauem Himmel aus. Auch großartige, hochalpine Skitouren bieten sich an, zum Beispiel aufs Brunegghorn, 3838 Meter, mit der Abfahrt über einen langen, nicht steilen Gletscher; der Ski-Übergang nach Zermatt über den Col Durand zwischen Dent Blanche und Tête Blanche trifft auf einen Teil der Haute Route und ist Ski-Alpinisten vorbehalten.