Ein alter Mann, auf Lebenszeit seiner Freiheit beraubt, liegt todkrank in einem italienischen Lazarett. Sein einziger Wunsch ist es, noch einmal die schwäbische Heimat wiederzusehen. Auch wenn ihm der italienische Staat die letzte Bitte noch rechtzeitig gewähren sollte, so bleibt doch das unbehagliche Gefühl, daß man es soweit gar nicht erst hätte kommen lassen dürfen.

Seit nahezu dreißig Jahren büßt der ehemalige SS-Obersturmbannführer und deutsche Polizeichef von Rom, Herbert Kappler, für ein Kriegsverbrechen, das andere befohlen hatten: die Erschießung von 335 Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen. Ungezählte Male haben Regierungen, Kirchen, Organisationen, Privatpersonen um Gnade gebeten, für ihn und für seinen Zellenkameraden auf der Festung Gaeta, den ehemaligen SS-Panzerkommandeur Walter Reder. Alle Bitten waren ebenso vergebens wie die Gesuche für die letzten deutschen Kriegsverurteilten in der holländischen Strafanstalt Breda oder für den einsamsten Häftling der Welt, Hitlers „Stellvertreter“ Rudolf Heß.

Es ist mittlerweile müßig, Schuldmaß und Strafmaß dieser Männer abzuwägen. Wer gnadenlos Menschen über mehrere Jahrzehnte hinter Kerkermauern verbannt, handelt so unbarmherzig wie die Mörder selbst. Daß atheistische Sowjetmenschen verächtlich von der Gnade denken, die nach des Dichters Wort eine Himmelsmacht ist, verwundert nicht; daß aber christliche Gesellschaften kein erlösendes Wort finden, stimmt traurig.

Den Hinterbliebenen der Ermordeten kann niemand abverlangen, daß sie den vermeintlichen oder wirklichen Mördern vergeben. An den Staatsmännern ist es, ohne Rücksicht auf Wählers und Volkes Stimme ein Zeichen zu setzen – im Sinne einer Rechtsordnung, die sich über die Barbarei erhebt. Kj.