Hervorragend

„Electric Muse – The Story Of Folk Into Rock“. Alle Skepsis, die man Sammelalben gewöhnlich entgegenbringt, löst sich alsbald in Wohlgefallen auf: Dies ist ein hinreißend komponiertes Album von vier Schallplatten, auf denen wirklich so etwas wie eine Entwicklung nachgezeichnet wird, nämlich die vom Volkslied – a cappella gesungen mit den rauhen Kehlen vier alter Herren – bis zum Folk Rock – gesungen und gespielt von jungen Damen und Herren mit einer Art von distinguiertem Schmiß. Viele Temperamente, ein bisweilen vielfältiges, überraschend farbiges, mit Phantasie zusammengestelltes Instrumentarium, ein vielgliedriges Spektrum von Folksongs. Was den Wert dieser Publikation erst erlebbar macht, das sind die Erläuterungen eines geradezu opulenten Begleitheftes. Ihr Verfasser verrät eine wissenschaftlich fundierte Kenntnis, aber auch deutlich sein Engagement für diesen faszinierenden Seitenarm des Pop-Stroms. (Folk/Metronome 1001) Manfred Sack

Annehmbar:

„Musik der Bach-Söhne“. In der Tat: schon für seine eigenen Kinder war Johann Sebastian Bach ein Komponist einer vergangenen und überwundenen Zeit. Für sie war der strenge Kontrapunkt vorbei, sie hatten die Harmonie und die periodische Struktur in den Vordergrund geschoben. Musik der Söhne-Generation, von Carl Philipp Emanuel, Johann Christian und Wilhelm Friedemann, frühe Sinfonik und das Virtuose herausstellende Konzerte, Affekte intendierende, mit Artigkeit und Geschmack spielerisch lockende, ansonsten unproblematische Sätze. Das Kölner Kammerorchester spielt zwar nicht auf wertvollen alten Instrumenten, hat sich aber in gewissem Maße die historische Musizierweise angeeignet; die relativ große und harte Dynamik des Orchesters allerdings dürften die Bach-Söhne noch nicht gekannt haben. (Kölner Kammerorchester, Leitung: Helmut Müller-Brühl; Schwann 2040–44, je 21 Mark.) Heinz Josef Herbort

Zwiespältig

Bob Dylan: „Desire“. Kaum eines der großen Rock-Originale, das sich nicht zeitweilig selber plagiiert oder, um es freundlicher zu sagen, gute Ideen mehrfach verwertet hätte. Diese Form des künstlerischen Narzißmus war von Chuck Berry bis zu den Kinks, Beatles, Stones und Who praktisch allen eigen. Auch Bob Dylan. Hier tauchen alte Songs wie „Girl From The North Country“, „All Along The Watchtower“, „Knocking Ort Heaven’s Door“ und alte „talking blues“-Nummern wieder auf, ohne daß sie allerdings in neuer Form künstlerisch gleichwertig wären. Nicht die bewußt beiläufige, manchmal fast schlampige Produktion fällt negativ auf, sondern die Unaufrichtigkeit und posenhafte Cleverness mancher Texte. Dylan glorifiziert nicht nur den Boxchampion Rubin „Hurricane“ Carter, sondern auch einen miesen Gangster wie Joey Gallo, dem er den Ruhm eines Robin Hood aus Little Italy andichtet. Und „Sara“, die öffentliche Liebeserklärung an seine Frau, besitzt für mich jedenfalls einen peinlichen, weil aufdringlichen Beigeschmack. Dabei besitzen seine Outlaw-Phantasien einen unterschwelligen Frauenhaß wie gewohnt. Die einzigen originalen und durchweg gelungenen Songs sind „Mozambique“ und „Romance in Durango“, das auch zu den Höhepunkten seines letzten Meisterwerks „Blood On The Tracks“ gehört hätte. (CBS 86 003, 18,– DM)

Franz Schöler