Die Antibabypille, die nun schon seit über einem Jahrzehnt auf dem Markt ist und täglich von unzähligen Frauen überall auf der Welt eingenommen wird, hat bisher als eines der sichersten unter den wirksamen Arzneimitteln gegolten. Die einzige nachgewiesene schädliche Nebenwirkung, eine Begünstigung von Thrombosen, tritt nur mit äußerst geringer Wahrscheinlichkeit ein.

Freilich hat es vereinzelt Berichte gegeben, nach denen Ärzte bei jungen Frauen vermehrt einen sehr selten vorkommenden, gutartigen Tumor in der Leber festgestellt haben wollten, was möglicherweise auf die Pille zurückzuführen sei; der erste Verdacht dieser Art wurde 1973 in der englischen Medizinerzeitschrift „Lancet“ geäußerst. Es bestand Anlaß genug, diesem Verdacht nachzugehen. Das haben Hugh A. Edmondson, Brian Henderson und Barbara Benton an der Universität von Süd-Kalifornien getan. Die drei Forscher gingen den 42 Fällen nach, in denen ein solcher gutartiger Tumor, ein Adenom, diagnostiziert worden war. 36 dieser früheren Patientinnen konnten interviewt werden.

Die gleiche. Anzahl gesunder Frauen jeweils gleichen Alters, die etwa zur gleichen Zeit zu menstruieren begonnen hatten, die die gleiche Anzahl Geburten und Aborte gehabt haben und in der gleichen Nachbarschaft wohnen wie die früheren Patientinnen, wurden ebenfalls befragt.

Das Ergebnis dieser Studie erschien am Donnerstag letzter Woche in dem ’amerikanischen Ärzte-Fachblatt „New England Journal of Medicine“. Vier Fünftel sowohl der Patientinnengruppe als auch der Kontrollgruppe haben die Pille genommen. Die Untersucher interessierten sich besonders für diese Teilgruppen und die Dauer der Pilleneinnahme – in der Gruppe der Frauen mit Leber-Adenom bis zum Zeitpunkt, an dem die Beschwerden einsetzten und in der Kontrollgruppe bis zum Tag der Befragung. Dabei stellte sich heraus: Die Hälfte der kranken Frauen hatte die Pille länger als fünf Jahre eingenommen, während dies nur für ein Achtel der gesunden Frauen zutraf. Fast ein Drittel der kranken Frauen – zehn von 34 – hatte 109 Monate und länger die Pille genommen; unter den gesunden Frauen traf dies nur für eine (von ebenfalls 34) zu. Und: Fast die Hälfte der Gesunden, jedoch nur ein Sechstel der kranken Frauen hatte bis zu einem Jahr unter dem Einfluß von Kontrazeptiva gestanden. Im Durchschnitt hatten die kranken Frauen 73,4 und die gesunden 36,2 Monate lang die Pille geschluckt.

Die amerikanischen Epidemiologen ziehen aus diesem Ergebnis den Schluß: „Das Risiko, an einem Leber-Adenom zu erkranken, vergrößert sich mit der Dauer der Pilleneinnahme dramatisch.“ Im Vergleich mit Frauen, die weniger als ein Jahr lang Ovulationshemmer erhalten, vervielfacht sich dieses Risiko nach fünfjähriger Einnahme um den Faktor 5 und nach neun Jahren Pilleneinnahme um 25. Statistisch errechneten die Wissenschaftler: Die Chance, daß dieser Zusammenhang lediglich vom Zufall vorgetäuscht sei, beträgt eins zu tausend.

Nicht minder bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen der Ausbildung eines gutartigen Lebertumors und der Zusammensetzung der eingenommenen Pille. Fast alle kranken Frauen hatten einen Ovulationshemmer verordnet bekommen, der das synthetische Östrogen Mestranol enthielt. Im Gegensatz zu dem ebenfalls synthetischen Östrogen Äthinylöstradiol, das in manchen Antibabypillen enthalten ist, muß Mestranol zunächst von der Leber in Äthinylöstradiol umgewandelt werden. In Tierversuchen hatten sich nach hohen Mestranolgaben bei Ratten Lebertumore entwickelt. Die Berichterstatter glauben deshalb, daß in erster Linie Mestranol enthaltende Ovulationshemmer das Leberadenom-Risiko vergrößern. Allerdings weisen frühere Berichte anderer Forschergruppen darauf hin, daß auch Äthinylöstradiol enthaltende Pillen möglicherweise diese Veränderung in der Leber hervorrufen können.

Gutartige Lebertumore kommen so selten vor, daß selbst bei einer Vervielfachung des Risikos ihres Auftretens um den Faktor 25 die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, äußerst gering ist. Immerhin empfehlen Edmondson, Henderson und Benton in ihrem Artikel den Ärzten, möglichst keine mestranolhaltigen Kontrazeptiva zu verordnen und bei Routineuntersuchungen junger Frauen die Leber abzutasten. Den Frauen, die die Pille nehmen, wird geraten, bei Schmerzen unterhalb des rechten Rippenbogens oder fühlbarer Schwellung in diesem Körperbereich, sofort den Arzt aufzusuchen. Der Tumor ist zwar gutartig, also kaum gefährlich, aber es kann, wie die Mediziner betonen, nicht völlig ausgeschlossen werden, daß sich eine solche Geschwulst zu einem Krebs entwickelt. Vorsicht also ist geboten.

Thomas v. Randow