Von Joachim Nawrocki

Während die ganze Welt unter den Folgen der Inflation leidet, präsentiert sich die DDR als eine Insel der Stabilität. Mieten und Verbraucherpreise sind seit langem unverändert geblieben. Regierung und Partei versichern unermüdlich, daß dies auch so bleiben soll, obwohl auch die DDR für ihre Importe auf dem Weltmarkt immer mehr bezahlen muß. Auch von ihrem wichtigsten Rohstofflieferanten, der UdSSR, wird sie rücksichtslos zur Kasse gebeten.

Schon längst verrechnen daher die Volkseigenen Betriebe untereinander höhere Preise. Wo das noch nicht der Fall ist, sollen alle Industrieabgabepreise bis 1979 den höheren Energie- und Rohstoff preisen angepaßt werden. Die Tarife für Energie und Wärme wurden bereits zu Beginn dieses Jahres erhöht – um wieviel, das wurde bisher geheimgehalten.

Daher breitet sich unter den DDR-Bürgern Mißtrauen aus – trotz aller amtlichen Beteuerungen, daß den Verbrauchern kein Haar gekrümmt werden solle. So fragte Hans Georgi aus Leipzig bei Radio DDR an: "Kann sich eine eventuelle Neukalkulation der Industrieabgabepreise nicht doch zum Nachteil der Käufer auswirken?"

In der "Radiosprechstunde" antwortete der Vorsitzende des Staatlichen Rundfunkkomitees, Rudi Singer, höchstpersönlich: "Nein, Herr Georgi, das wollen und werden wir nicht zulassen. Ich sage das ganz am Anfang ganz kategorisch, ganz eindeutig, weil eben die Sachlage eindeutig ist. Ein paar Bemerkungen dazu: Bei den Industriepreisen handelt es sich bekanntlich um jene Preise, die zwischen den Betrieben bei der Bezahlung von Materialien und Zulieferungen gelten. Sie sollen ein möglichst exakter, realer Ausweis des Aufwandes, des gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwandes für die Erzeugnisse sein."

Eben das sind sie aber nicht. Immer lauter werden in der DDR die Klagen über das verzerrte Preissystem. Die Wirtschaft der DDR ist wieder da, wo sie zu Anfang der sechziger Jahre schon einmal war: Nach dem Kriege waren niedrige Grundstoff- und hohe Konsumgüterpreise festgesetzt worden, um die Investitionsgüterindustrie zu begünstigen und den Konsum zu drosseln. Die zweifelhaften Erfolge: Verschwendung von Material und Energie und das Fehlen jeglicher Maßstäbe für die Wirtschaftlichkeit der Produktion.

Ulbrichts "Neues ökonomisches System" sollte mit diesem Unfug Schluß machen. Preise sollten, neben anderen Indikatoren, als "ökonomische Hebel" eingesetzt werden; sie sollten zu Sparsamkeit und ökonomischer Produktion anhalten.