Von Heinz Perleberg

Bei den Barten der Propheten und Karl Marx: Wer hätte schon am Tage der Gruppenauslosung zu den Qualifikationsspielen im Hallenhandball für die Olympischen Spiele in Montreal an ein Weiterkommen der Mannschaft der Bundesrepublik geglaubt, als sie mit dem Vizeweltmeister DDR und Belgien in eine Gruppe gelegt wurde? Als Überraschung wurde der 17:14-Sieg der Bundesrepublik über die DDR-Mannschaft im Dezember 1975 in München gewertet, ein Sieg, der das Selbstvertrauen des sportlichen Außenseiters Bundesrepublik geweckt, das des Vizeweltmeisters hingegen nicht erschüttert hatte. „Wir kommen nach Montreal“, prophezeite Vlado Stenzel, der Handball-Bundestrainer, und sein Kollege Heinz Seiler (DDR) kommentierte in München: „Ein Drei-Tore-Rückstand ist schnell aufgeholt.“

Beide Aussagen wurden am vergangenen Sonnabend in Karl-Marx-Stadt bestätigt. Die Mannschaft der DDR gewann gegen das junge Team der Bundesrepublik nach einem dramatischen Spielverlauf mit 11:8 Toren. Es war ein Sieg, aber kein Erfolg, denn eben dieser Drei-Tore-Vorsprung reichte nach dem Reglement nicht aus zum Gruppensieg. Die Olympia-Fahrkarte war verspielt. Die Mannschaft um Vlado Stenzel aber hat trotz dieser Niederlage für die Sensation im internationalen Handballsport und für Schlagzeilen in der Presse gesorgt. Sie fliegt im Juli nach Montreal.

Entscheidungsspiele haben stets ihren besonderen Reiz, aber auch ihre eigenen Gesetze. Hier geht es um Sein oder Nichtsein, ein Schönheitspreis wird nicht verliehen. Spielauffassung und Regelauslegung bieten den Handballschiedsrichtern den breitesten Entscheidungsraum von allen Sportspielen, sie bestimmen die „Gangart“ eines Spieles. Lassen sie härtesten Körpereinsatz – vor allem in der Abwehr – zu, wird dieser mit letzter Konsequenz von den Spielern genutzt. Der erste Angriff der bundesdeutschen Mannschaft lief über vier Minuten, wurde durch elf Fouls unterbrochen und mit einem Siebenmeterstrafwurf abgeschlossen. Damit hatten die schwedischen Schiedsrichter Nilsson und Olsson ihre Visitenkarte abgegeben, die Spieler wußten: Man durfte zur Sache gehen.

Und dies tat man dann auch auf beiden Seiten. Daß das Spiel jedoch in keiner Phase, trotz aller Hektik und Dramatik, ausartete und stets in sportlichen Grenzen verlief, ist neben dem Spielerverhalten das besondere Verdienst der beiden Unparteiischen. Sie blieben konsequent bei ihrer angezeigten Linie, die zu vielen Spielunterbrechungen führte und zu einer Spielzeit, die viereinhalb Minuten über der normalen lag. Ihre Konsequenz gipfelte in ihrem Mut, fast mit dem Schlußpfiff noch einen Siebenmeterball gegen die Bundesrepublik zu pfeifen. Die Situation war da: Spielstand 11:8 für die DDR. Wird der Siebenmeterball verwandelt, haben sich die Spieler aus der DDR qualifiziert, scheitert der Werfer an Torwart, Pfosten, Latte oder Nerven, fährt die Mannschaft der Bundesrepublik nach Montreal.

Bei dieser Entscheidung konnte man folgende Reaktionen beobachten: Drei bundesdeutsche Spieler warfen sich vor Verzweiflung aufs Parkett. Sie wollten es in diesem Augenblick nicht wahrhaben, durch einen Strafwurf um ihren Erfolg gebracht zu werden. Alle Spieler der DDR, einschließlich der Betreuer auf der Auswechselbank, sprangen vor Freude in die Luft. Vlado Stenzel war bereits auf dem Wege, seinen Kollegen Seiler zu beglückwünschen. Es war dies, wie er mir am Abend erzählte, wirklich der einzige Moment, wo er nicht mehr an das positive Abschneiden seiner Mannschaft geglaubt hatte. Selbst beim Stande von 2:7 war er optimistisch geblieben. Und dann nahm Hans Engel vom ASK Frankfurt (Oder) den Ball. Er hatte bereits zwei Strafwürfe verwandelt.