ZDF, Freitag, 5. März: „Die Wahl“, von Daniel Christoff, Regie: Rainer Boldt

Die Fronten, schien es, waren abgesteckt: hüben die Bonzen mit den Schlipsen und der unternehmerfreundlichen Rede, und drüben die sympathischen Rebellen aus der Arbeiterschaft. Hier, an ihrem Posten klebend, die Phalanx der Funktionäre (immer auf den eigenen Vorteil bedacht) und dort, als Vertreter der Basis, die Männer vom Fließband (unter ihnen ein Türke).

Ein ungleicher Kampf, in der Tat. Der Egoismus einer verkommenen, resignierten, kleinbürgerlichen Arbeiteraristokratie – konfrontiert mit der plebejischen Solidarität jener Rebellen, denen es am Ende gelingt, ein Viertel der Belegschaft auf ihre Seite zu ziehen: Die Bonzen haben das Nachsehen, die als „Spalter“ verketzerten Männer ziehen in den Betriebsrat ein ... und werden zugleich, ihrer oppositionellen Tätigkeit wegen, mit Sanktionen von der Gewerkschaft bedroht.

Ein klarer Fall also? Keineswegs. Was auf den ersten Blick sehr simpel aussah, erwies sich schnell als höchst kompliziert: So liebenswert, einerseits, die drei Empörer auch waren – ihr Konzept, schwankend zwischen revolutionärer Allgemeinheit und reformistischem Praktizismus, zeugte von wenig Erfahrung. Und so widerlich, schon physiognomisch, die Bürokraten und Pfründenjäger dargestellt wurden: die Argumente, mit der die Zentralfigur des Stücks, ein alter Arbeiterführer, seinen ungeliebten Genossen beisprang, waren nicht undurchdacht. Einheit über alles. Gehorsam gegenüber dem Befehl der Zentrale. Diskussion nur hinter verschlossener Tür. Alles andere nützt lediglich dem Klassenfeind.

Aber kaum hatte sich die Waage zugunsten der Funktionäre gesenkt, da schnellte sie erneut in die Höhe. Denn so plausibel es klang, was im Film der alte Gewerkschaftler sagte: Wodurch unterschied sich sein Hohelied der Disziplin vom Slogan „Die Partei hat immer recht“?

Wenn er am Ende dasaß, vor seinem Kleinbürger-Garten, und mit ein bißchen linker Nostalgie die Rebellen pries, von denen allein das Heil kommen könne, während von den Funktionären nichts mehr zu erwarten sei, um dann im gleichen Atemzug von „Schnauze halten“ zu sprechen ... wenn er dasaß, in seinem Gartenlauben-Idyll, und, an die Tage des Faschismus erinnernd, jene Einheitsfront der Sozialisten beschwor, die für ihn nichts als eine Reminiszenz war, dann gewann die Rebellion der drei Aufsässigen plötzlich wieder an politischem Gewicht: Was blieb ihnen anderes übrig, als nach der Devise „Stärkung durch Opposition“ zu verfahren – selbst auf Kosten der Spaltung?

Wer hat hier recht? Welches Konzept ist objektiv das bessere? Das der Dissidenten? (Ein wenig luxemburgistisch gefärbt: Wir wollen Reformen, aber nicht nur Reformen.) Das der Gewerkschaftshierarchie? (Realitätssinn, gepaart mit viel Spießbürgerlichkeit, mit einem ausgemachten Sinn für Privilegien und einem Schuß von skurrilem Leninismus: „Die Gewerkschaft bestimmt“, heißt es bei Max von der Grün, „wann wir unzufrieden zu sein haben.“) Zwischen dem Verrat der Sektierer (linke Gruppen befehden einander; die Rechte profitiert davon) und dem Verrat einer irregeleiteten schweigenden Mehrheit: Gibt’s da einen dritten Weg?