Von Gustav-Adolf Henning

Die Möwen sind zu einem Problem geworden. Sie vermehren sich zu rasch. Die Silbermöwe wird mehr und mehr zur „Müllmöwe“, die Krankheitserreger – zum Beispiel Salmonellen – von den Deponien in die Hafenbecken und Reservoire von Trinkwasser bringt. Und auf den Fischmärkten verseucht sie mit ihren gemauserten Federn und Kotklecksen Nahrungs- und Futtermittel – mit Salmonellen. Als intelligenter und anpassungsfähiger Vogel hat die Möwe sich in den vergangenen Jahrzehnten an die Zivilisation gewöhnt. Sie leidet auch bei anhaltenden Stürmen keinen Hunger mehr, weil sie sich in Schwärmen auch von den Abfällen der Fischerei und der Fischindustrie durchbringt.

Zugleich sind auf den friesischen Inseln und an der Ostsee zu viele Möwen der übrigen Seevögel Tod. Denn die Silbermöwe ist ein Eierräuber und verschlingt auch die Jungen anderer Arten, behindert also den Vogelschutz, der sich um eine artenreiche Lebensgemeinschaft bemüht. Die vielen Auswürfe der Massenmöwe, Kot und „Speiballen“ aus Unverdaulichem, überdüngen zudem die Dünen. Im hohen Gras aber haben bedrohte und seltene Seevögel wie die Seeschwalben nicht mehr genügend Rundumsicht, fühlen sich verunsichert und bleiben weg.

Daß es eine Möwenplage gibt, entfernt vergleichbar mit der Taubenplage in den Großstädten, darin sind sich alle einig, die sich mit dieser Frage befassen. In der Wahl der Mittel weichen sie voneinander ab. Seit über fünf Jahren wird ebenso wie gegen die Tauben auch gegen die Möwen das drastische Schlafmittel Glukochloralose eingesetzt, abgesegnet vom Deutschen Tierschutzbund als völlig schmerzloses, „humanes“ Tötungsmittel. Die tödliche Dosis wird, in Fischködern versteckt, an den Nestern der Möwen ausgelegt. Zu den Giftgeldgebern gehören die Fischereihäfen von Bremerhaven und Cuxhaven.

„Ist das Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven ein Schädlingsbekämpfungsinstitut?“ fragt die Redaktion der Zeitschrift Forum Umweit Hygiene und hakt nach, ob denn die Vogelwärter auf den Inseln die Prüfung zum Handel mit Giften abgelegt haben? Außerdem: Seit etwa zwei Jahren mehren sich die Fälle, in denen sich Greifvögel – Bussarde, Weihen, Milane, ehe Gruppe, die ohnehin unter Umweltgiften in ihren Bestand leidet – beim Kröpfen an vergifteten Möwen vergiftet haben.

„Den Ausdruck ‚bekämpfen‘“, erklärt Friedrich Goethe vom Institut für Vogelforschung in Wihelmshaven, „bekämpfen wir.“ Statt dessen bevorzugt er den Begriff „Bestandslenkung“. Nach vier Jahrzehnten des Studiums der Biologie und Ethologie sieht sich der Vogelforscher in die Ecke der Möwenvergifter gedrängt. Immerhin habe die „Lenkung“ erbracht, daß der Bestand der Silbermöwen an den Küsten innerhalb von zwölf Jahren von 54 500 auf 21 000 Brutpaare gesenkt wurde und daß dies im Interesse eines ausgewogenen ökologischen Systems geschah. Andere Methoden als die Vergiftung haben sich dabei als weniger wirksam erwiesen, wie zum Beispiel das Schütteln der Eier (nach dem hundertsten Ei ist dem Vogelwart eine Sehnenscheidenentzündung sicher), das Anstechen der Eier oder, das Besprühen der Gelege mit einem Öl-Petrol-Formol-Gemisch.

Würde man die Eier absammeln, dann hat dies nach den Erfahrungen von Friedrich Goethe schädliche Folgen für die Seevogelwelt. Während nämlich die mit dem Menschen allmählich vertraut gewordene Silbermöwe am Boden bleibt, fliehen die anderen Arten vor dem Menschen, und die Möwe könne sich nun über deren Eier und Jungvögel hermachen. Das Einschleppen von Gift in den Naturhaushalt und die Zweitvergiftung von Greifvögeln, so meint er, wären bei den Giftaktionen durch Nachsuche mit dem Jagdhund „weitgehend vielleicht zu vermeiden“.