Hält Moskau den Atomkrieg für unvermeidbar?

Von Ulrich Schiller

Washington, im März

Das Wort „Détente“, das der Große Webster mit relaxtion of tensions, Nachlassen der Spannungen, umschreibt, ist im politischen Vokabular Amerikas diskreditiert. Das hatte Präsident Ford spätestens nach dem letzten Sommer richtig erkannt. Auch Außenminister Kissinger hatte mehrfach betont, daß er mit dem Begriff keineswegs glücklich sei. Der Abstand der amerikanischen Politik gegenüber der Entspannungsformel vergrößerte sich in gleichem Maße, wie die Enttäuschung über die sowjetische Haltung wuchs, ein Prozeß, der sich über mehrere Jahre hinzog: Moskaus Rolle im Yom-Kippur-Krieg und während des arabischen Ölboykotts 1973, die sowjetische Gerissenheit bei den Weizeneinkäufen in Amerika, das als Konzession an den Kreml empfundene Ergebnis der Europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki, der Fall Solschenizyn, die Aufregung um den Friedensnobelpreisträger Sacharow und schließlich die Einmischung in Angola ließen das Mißtrauen der amerikanischen Öffentlichkeit gegen die Sowjets ansteigen. Im Vorwahlkampf trat dann die unterschwellige Empörung offen zu Tage. Vor allem der rechte Republikaner Reagan und die konservativen Demokraten Jackson und Wallace legen bei ihren Wahlreden die Finger tief in diese Wunden.

In Florida, wo für alle Präsidentschaftsanwärter viel auf dem Spiele stand, tat Gerald Ford dann den entscheidenden Schritt: „Ich benutze das Wort Détente nicht mehr“, erklärte er am 1. März in einem Fernsehinterview. Und: „Wir sollten, glaube ich, sagen, daß die Vereinigten Staaten auch weiterhin mit Supermächten verhandeln, mit der Sowjetunion und mit China und anderen, und versuchen werden, Spannungen abzubauen, so daß wir eine Politik des Friedens durch Stärke fortsetzen können.“ „Détente“, befand der Präsident, „ist nur ein Wort, das einmal geprägt wurde. Ich glaube nicht, daß es noch länger anwendbar ist.“

Es ist unwahrscheinlich, daß Ford seinen Außenminister oder einen anderen Berater vor dieser Äußerung, die in dem längeren Fernsehinterview gewissermaßen am Rande fiel, konsultiert hat. Für den Präsidenten, der sich im Bereich der politischen Terminologie und der Ideologie noch nie als besonders sensibel erwiesen hat, war der Abschied vom Wort Entspannung wohl auch längst nicht so bedeutungsvoll wie für viele Europäer, die im Umgang mit Kommunisten gelernt haben, mit politischen Begriffen sehr sorgsam umzugehen. Der Gedanke, daß der Präsident der Nation und den Verbündeten eigentlich eine ausführliche Erklärung schuldig sei, wenn er die in Amerika doch anscheinend für eine ganze politische Konzeption stehende Vokabel „Détente“ verabschiedet, ist bezeichnenderweise kaum einem Amerikaner gekommen.

Gefolgsleute und Kritiker glauben Ford jedoch, daß er keinen außenpolitischen Kurswechsel beabsichtigt. Auf einer Wahlkampftournee durch Illinois hat der Präsident denn auch gerade ausdrücklich erklärt, daß im Atomzeitalter eine Rückkehr der Supermächte zum Kollisionskurs die menschliche Rasse zu Asche verwandeln könne. Auch in Amerika hat dieses Argument seine Überzeugungskraft noch nicht eingebüßt. Doch beginnt genau da die Gretchenfrage der Entspannungskritiker. In letzter Zeit wurde in amtlichen Begründungen immer wieder darauf hingewiesen, der Sinn der „Détente“ beschränke sich nur noch auf die Vermeidung des Nuklearkrieges. Heißt das, daß alle anderen Konflikte zwischen den Supermächten unterhalb der nuklearen Schwelle möglich sind?