Geht es jetzt, im Zuge der Einsparungen, den deutschen öffentlichen Bibliotheken an die Gurgel? Alarmmeldungen aus Hannover deuteten vor einigen Wochen darauf hin. Jetzt ist die „Schnellstatistik 1975/76“ des Deutschen Bibliotheksverbands da, und sie erlaubt einen ungefähren Überblick über die Lage.

In Hannover wurde die große Katastrophe abgewendet: Zwar mußten Streichungen hingenommen werden, aber die Stadt gibt immer noch 19,30 Mark pro Einwohner für ihre Stadtbüchereien aus und rangiert damit an glimpflicher neunter Stelle unter den deutschen Kommunen.

Die, das zeigt die Statistik wieder, schätzen den Wert einer Bücherei höchst verschieden ein. Die Stadt, die sich ihre Bibliothek das meiste kosten läßt, liegt mitten in Niederbayern: das SPD-regierte Eggenfelden, dessen 10 000 Einwohner pro Kopf 29,68 Mark im Jahr für ihre Stadtbücherei aufbringen. Den anderen Rekord hält das 16 000 Einwohner zählende Rotenburg an der Wümme: 42 Pfennig kostet jeden Rotenburger seine Bibliothek. Die deutsche Bibliothekslandschaft, sieht man, ist äußerst ungleichmäßig. Nähme man Rotenburg (kleiner geht’s nicht) als Maßeinheit, sagen wir: als 1 Wümme, so mäße Eggenfelden 71 Wümmes.

Gegenüber, dem Vorjahr wird es in 107 von 492 Bibliotheken Etatkürzungen geben. Insgesamt steigen die Ausgaben der Kommunen jedoch an (was für die von Kürzungen betroffene Bücherei kein Trost ist), und zwar um etwa 10 Prozent.

Diese Zahl jedoch sagt wenig, ja, sie ist geradezu irreführend. Denn sie versteckt eine andere Zahl: Die Erwerbungsetats, also die Mittel für den Einkauf neuer Bücher, sinken im Durchschnitt, und zwar um etwa 8 Prozent – die Etaterhöhungen werden nämlich für Personal- und Sachausgaben aufgebraucht. Auch diese 8 Prozent minus verraten noch nicht die ganze Wahrheit: Die Ausleihquoten sind zumindest in den Großstädten mit gut ausgebauten Bibliothekssystemen regelmäßig etwa um 10 Prozent pro Jahr gestiegen, und die Buchpreise dürften zur Zeit gut 12 Prozent höher liegen als Ende 1974. Das heißt: für Neuerwerbungen stehen real heute etwa 30 Prozent weniger zur Verfügung als Anfang vorigen Jahres.

Der Ort, der bei der Kürzung des Erwerbsetats den Vogel abschießt, liegt am Rübenberge, und heißt Neustadt: ein Dörferkonglomerat 25 Kilometer nordwestlich von Hannover und flächenmäßig so groß wie dieses, aber mit nur 38 000 Einwohnern. Es hat eine 120 Jahre alte Stadtbücherei. Mit 2,84 Mark pro Kopf, die es für sie aufwendet, rangiert es sowieso weit unten. Im vorigen Jahr konnte die Bibliothekarin nochfür 25 000 Mark neue Bücher kaufen. 1976 stehen ihr nur noch 1500 Mark zur Verfügung: Der Akquisitionsetat schrumpfte um 94 Prozent. 1976 wird es in der Neustädter Bibliothek ganze sechzig neue Bücher geben.

Wenn ein anderes Kulturinstitut für eine Weile teilweise pausieren muß, so wäre das für seine Benutzer betrüblich; bei Bibliotheken aber ist der Schaden irreparabel: Die Literatur Jahrgänge, die gar nicht oder nur stark ausgedünnt angeschafft werden können, werden sich in den Regalen nie wieder ersetzen lassen.