Von Rudolf Herlt

Nicht nur die Bundesregierung wäre froh, wenn sie genau wüßte, wie es mit der Wirtschaft weitergehen wird. Uns allen wäre wohler zumute, wenn wir sicher sein könnten, daß die positiven Signale aus den Unternehmen Zeichen einer dauerhaften Belebung sind. Dann ließe sich absehen, wann die 1,3 Millionen Menschen wieder in Arbeit und Brot gebracht werden können, die heute vom Arbeitslosengeld leben müssen. Über diese Kardinalfrage der Wirtschaftspolitik wird denn auch gegenwärtig viel geredet, im Bundestag, der diesem Thema in dieser Woche einen ganzen Tag widmet, in den Familien, an den Stammtischen, auf Wahlversammlungen.

Auch eine sachkundig geführte Bundestagsdebatte kann keine neuen Erkenntnisse bringen. Das Bild ist noch zu uneinheitlich. Der Autoindustrie geht es wieder gut, die Stahlindustrie hat weniger Anlaß zum Klagen und aus der chemischen Industrie ist Erfreuliches zu hören. Die Textilindustrie hat ihre Lager geräumt und den Schuhherstellern geht es etwas besser. Das Geschäft mit Anlagen und Maschinen ist jedoch noch nicht in Gang gekommen. Ehe neue Werke gebaut oder neue Maschinen gekauft werden, müssen die alten erst wieder voll ausgelastet werden. Selbst ein so erfahrener Bankier wie Jürgen Ponto, der von Berufs wegen viele Unternehmen gründlich beobachten muß, meint, kein ehrlicher Mann könnte heute schon sagen, ob wir es mit einem Strohfeuer zu tun haben oder ob sich die Aufwärtsbewegung als nachhaltig erweisen wird.

Aufwärts aber geht es. Die Bestellungen bei der Industrie erlauben Schlüsse auf eine bessere Zukunft. Doch die alte Erfahrung „Beginnt die Konjunktur erst zu steigen, dann steigt sie auch nachhaltig“ ist kein Naturgesetz. Nach diesem tiefsten wirtschaftlichen Einbruch der Nachkriegszeit ist manches anders als vorher.

Überall in der Welt ist die Unsicherheit in der Wirtschaft größer als je in den vergangenen 25 Jahren. Die Unternehmer haben ihre Erwartungen ganz heruntergeschraubt. Seit zwei Jahren haben sie sich ganz auf Belastungen, Enttäuschungen und Verluste eingestellt. Es bedarf schon eindrucksvollerer Ereignisse, als wir sie bis jetzt registrieren können, damit sie aus dieser tiefen Resignation auf den Weg der Hoffnung zurückfinden.

Dennoch – es gibt positive Zeichen. Das Hamburger Institut für Wirtschaftsforschung erinnerte daran, daß auch die Konjunkturpäpste lange daran zweifelten, ob unter den veränderten Bedingungen Ankurbelungsprogramme überhaupt wirken würden, und daß sie mit einer langgestreckten Talsohle gerechnet hätten. Beide Befürchtungen haben sich als falsch erwiesen. Die von der Bundesregierung verordnete Investitionszulage, die zum Bau neuer Anlagen und zum Kauf neuer Maschinen anregen sollte, ist nicht wirkungslos verpufft. In der Talsohle hat sich die Wirtschaft deshalb nicht lange aufgehalten. Im Herbst vorigen Jahres schon schickte sie sich zum Einstieg in die Steilwand eines neuen Aufschwungs an.

Auf dieser Klettertour lauern freilich noch Gefahren. Welchen Störungen der Außenhandel ausgesetzt ist, wird an dem Währungsbeben deutlich, das Anfang dieser Woche, von Großbritannien ausgehend, die Währungskurse unserer wichtigsten Handelspartner Großbritannien, Frankreich, Italien und Dänemark in die Tiefe schickte. So unangenehm solche Vorgänge für die Exportwirtschaft sein mögen – auf die Dauer können sie unsere Ausfuhren jedoch nicht beeinträchtigen.