Von Ludvik Vaculik

Ich gebe jetzt alles in zehn Exemplaren heraus, per Durchschlag. Eine Druckerei habe ich seit 1969 nicht benutzt, ich kann nicht einmal sagen, warum. Ich werde leider auch nicht erfahren, ob dieses Feuilleton mit der Druckerschwärze in Berührung kommt, denn Ihre Zeitung wird bei uns nicht verkauft.

Ich glaube, mit dem Wort „Feuilleton“ bezeichnet man bei Ihnen einen dicken Teil der Zeitung, der Lektüre für die ganze Woche birgt. Liest das jemand von Anfang bis zum Ende? Bei uns hat man seit jeher dünnere Zeitungen gemacht, sie wurden jedoch von A bis Z gelesen. Ich würde das damit erklären, daß sich die tschechischen Zeitungen selber nie als etwas Selbstverständliches unter der Sonne gefühlt haben, und deshalb kamen sie sich auf jeder Seite nahezu prophetisch bedeutend vor. Auch der Leser betrachtete jede Ausgabe als die vielleicht letzte Botschaft und versuchte das herauszulesen, was er sich wünschte. Der sensationellste Bericht für uns wäre der, in dem die Zeitungen eines Tages endlich das schreiben, was alle ohnehin wissen. Der Vulkan einer solchen Pressefreiheit bricht in Böhmen einmal in etwa zwanzig Jahren aus, dann herrschen neunzehn Jahre Qualm und Asche, die wir alle wie Rauchsignale der Indianer verfolgen, überzeugt, daß auch irgendwo tief in der Hölle einer sitzt, der normal denkt und der bestimmt versuchen wird, uns ein Zeichen zu geben. Daher das traditionell gründliche Zeitungslesen in tschechischen Landen.

Dann also eine internationale Kolumne, ein europäisches Feuilleton, hm! Dazu brauchte man wohl einen europäischen Überblick; ich habe jedoch eher nur einen Überblick wie aus einer Schachtel. Es bleibt Ihnen nichts übrig, als mich ein tschechisches Fejeton schreiben zu lassen, damit sich wenigstens ein Blick in die Schachtel tun läßt. Auch gut, nicht wahr? Ich müßte eigentlich erklären, was ein Fejeton in unserem Sinne ist. Dieses Wort fremder Herkunft schreiben wir schon längst so, wie wir es aussprechen. Das Fejeton wird unter dem Strich in anderer Schriftart gesetzt, damit klar wird, daß der Herausgeber damit nicht viel gemein haben will, weil hier in leichterer Form schwierigere Probleme behandelt werden. So hat es, bitteschön, Jan Neruda (1834 bis 1891) eingeführt, derselbe, dessen Namen der chilenische Dichter Neftali Ricardo Reyes als Pseudonym angenommen hat. Neruda hat in seinem Leben mehr als zweitausend Fejetons geschrieben. Über alles, was es damals in Böhmen gab. Und es gab das Wetter, die Wiener Regierung, Theater, Droschken, Polizei, Tschechen, Deutsche und ähnliches. Nerudas Ausdrucksweise war elegant, witzig und naiv. Aber Achtung! In der Neujahrsausgabe der „Národní listy“ 1863 schrieb er zum Beispiel: „Uns würde es nicht stören, wäre die Gleichberechtigung größer und die Versprechen kleiner, unser Landtag tschechischer und Deutschland deutscher, die Pressefreiheit wieder größer und der Paragraph fünf kleiner, der engere Reichsrat breiter und die Freundschaft zwischen den Völkern Österreichs enger, gäbe es mehr Silber und weniger Papier. Die Tschechen haben sich aber schon immer zu viel gewünscht, und darum erging es ihnen schlecht...“

Ich bin sicher, diese Lektüre würde so manchen von Ihnen, Deutschen und Österreichern, die noch Sinn für die gute alte Qualität in Hand- und Geisteswerk haben, interessieren und erfreuen. Uns, die heutigen Tschechen, erfreuen diese antiquierten Fejetons selbstverständlich auch, sie empören uns aber auch auf besondere Art, ja wiegeln uns gegen Wien auf. Da es jedoch kein Wien mehr in Böhmen gibt, kreist diese Empörung eine Weile verwirrt durch die Lüfte und bleibt dann – weiß Got: warum – still über der Prager Buig hängen; ob mit Recht oder nicht, darüber wollen wir, die wir unter dem Burgfrieden leben, uns den Kopf nicht zerbrechen.

In einem der Fejetons beklagt sich Neruda, daß der und jener von seinen Bekannten aus poltischen Gründen für ein bis zwei Monate eingesperrt wurde, er also kaum noch jemanden hat, mit dem er ein Glas Bier trinken kann. In einem anderen ärgert er sich, daß der Zensor konmt, den Satz zu löschen befiehlt, aber nicht sagt, was man statt dessen setzen soll. Ein anderes Mal macht sich Neruda über den Herrn Polizeikommissar Dedera lustig: Der würde am liebsten die ganzen tschechischen Zeitungen selber vollschreiben, wären nur seine Tschechischkenntnisse besser. Im Jahre 1868 gab es Demonstrationen gegen die Regierung, über Prag wurde der Ausnahmezustand verhängt. Die „Národní listy“ wurden eingestellt, Neruda wurde also zum Schweigen gezwungen, für ganze zwölf Tage! Als dann die Zeitung unter verändertem Namen wieder erschien, machte er seiner angestauten fejetonistischen Energie Luft, indem er dies alles schilderte. Achtundvierzig Stunden später kämpfte er schon für die Frauenrechte, wie folgt: „Ich bin für die volle Emanzipation der Frauen, denn die Frauen haben das Recht, im Steinbruch als Steinmetze zu arbeiten und im Kriminalgericht zu sitzen als Journalisten.“

Lieber Jan Neruda! Ich begrüße Sie an der Schwelle des Jahres 1976 und verneige mich tief. Richten Sie bitte meine Empfehlung an Herrn Kommissar Dedera aus. Stellen Sie mir bitte keine Fragen, ich erkläre es Ihnen später mündlich. Wissen Sie, die heutige Regierung erträgt es weniger gut, wenn man über sie schreibt, und ich respektiere es, weil sie unbeschreiblich ist.