Beachtlich

„Straßen der Nacht“ von Robert Aldrich. Der zusammen mit Sam Peckinpah grimmigste Moralist des amerikanischen Kinos führt wieder einmal sein düsteres Universum aus Korruption, Verrat, Gier und Gewalt vor. Die mit lakonischer Präzision und kühlem Funktionalismus erzählte Geschichte spielt in der schäbigen Halbwelt von Los Angeles. Ein Polizist (Burt Reynolds), der mit einem teuren Callgirl (Cathérine Deneuve) zusammenlebt, rollt eher widerwillig eine miese Affäre auf und kommt schließlich auf lächerlich-absurde Weise zu Tode. Aldrichs prägnanter Blick für Typen und Milieu und sein Gespür für die gewalttätigen Widersprüche innerhalb einer auf rein materialistischen Maximen gebauten Gesellschaft kollidieren hier freilich gelegentlich mit einem forschen Zynismus, der ein gewisses Unbehagen hinterläßt.

Mittelmäßig

„Abenteurer auf der Lucky Lady“ von Stanley Donen. Was nützt die hübscheste Pralinenschachtel, wenn der Inhalt völlig ungenießbar ist? Stanley Donen, dem seit „Charade“, „Arabesque“ und „Zwei auf gleichem Weg“ nichts Rechtes mehr geglückt ist, erweist sich immer mehr als fanatischer Formalist, dem schwelgerische Dekors und hübsche Kostüme wichtiger sind als halbwegs brauchbare Geschichten. In „Lucky Lady“ gibt es nur noch eine opulente Verpackung zu besichtigen: drei „Superstars“ (Liza Minnelli, Gene Hackman, Burt Reynolds), allemal fesch angezogen und ständig von exquisiten Lichteffekten umschmeichelt, tändeln als propere Modepuppen durch eine beängstigend dürftige Handlung, von der man kaum glauben mag, daß sie von den Autoren von „American Grafitti“ stammt. Der teure Ausstattungsglamour bringt nicht einmal kleine eskapistische Vergnügungen, sondern erschöpft sich in der protzigen Präsentation schaler Schauwerte.

„Nevada Pass“ von Tom Gries ist kein Western, sondern eins von Alistair MacLeans bieder gestrickten Krimi-Kreuzworträtseln, das der Abwechslung halber in die amerikanische Pionierzeit verlegt wurde. Charles Bronson trägt wie gewöhnlich stoischen Gleichmut zur Schau und läßt sich auch durch die eindrucksvolle Fülle von dramaturgischen Schwächen nicht aus der Ruhe bringen. Tom Gries, der schon das letzte Bronson-Vehikel „Der Mann ohne Nerven“ mit routiniertem Desinteresse über die Runden brachte, verschwendet hier das Talent eines der besten amerikanischen Kameramänner: die flauen Bilder von Lucien Ballard lassen nur selten ahnen, daß sie von dem gleichen Mann stammen, der einige der schönsten Western von Budd Boetticher und Sam Peckinpah photographiert hat.

Empfehlenswerte Filme

„Nashville“ von Robert Altman. „Carmen“ und „La Traviata“ von Walter Bockmayer. „Der Traumtänzer“ von Clyde Bruckmann. „Nehmen Sie es wie ein Mann, Madame“ von Mette Knudsen, Elisabeth Rygaard und Li Vilstrup. „Sommergäste“ von Peter Stein. „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders.

Hans C. Blumenberg