Die Londoner Times ist kein Werbeträger der britischen Labour Party. Zwar kleidet sie ihre Aversion gegen mehr Sozialismus nicht in die unerquickliche Nachrichtendosierung mancher sogenannter überparteilicher Tageszeitungen. Aber ihre Meinungsspalten lassen am bürgerlichen Standpunkt des Blattes keinen Zweifel. Nur weiß sie die Scheidelinie zwischen genereller Ablehnung eines politischen Programms und spezieller Einschätzung von Tatbeständen und Personen genauer zu ziehen. Aus dem Fall des Austritts von Lord George-Brown aus der Labour Party hat sie nun einen Casus gemacht, der diese Grenze scharf markiert.

Brown, auf Lebenszeit geadelt und nach seinem Wahlkreisverlust im Jahre 1970 ins Oberhaus delegiert, war lange das eulenäugige Chamäleon seiner Partei: Hinreißend in der Bekundung unumstößlicher Grundsätze (freiheitlicher Sozialismus weit weg von totalitären Anfechtungen, britischer Platz im Kreise der Nationen Europas, Verteidigung der Schwachen gegen die Starken), aber ebenso anfällig im Überschwang von Gefühl, Verärgerung und hektischem Furor.

Brown konnte Photographen bedrohen und am nächsten Tag zum Bier einladen. Brown konnte sich selbst zum Bier einladen und die Photographen vergessen, Brown hatte ein Herz, das größer war als sein Kalkül. Dafür liebten ihn alle, die Politik, solange sie bloße Verstandessache bleibt, zu armselig fanden.

Zu deren Sprecher machte sich die Times als Lord George-Brown jetzt seinen letzten dramatischen Auftritt auf der politischen Bühne – den Austritt aus der Labour Party nach fünf Jahrzehnten – durch einen Bajazzo-Auftritt zu ruinieren drohte Vor dem Oberhaus, im blendenden Licht der Fernsehscheinwerfer und verunsichert durch vorherige Hilfesuche bei alkoholhaltige! Aufmunterung, stolperte und stürzte er, Die Photographen waren unbarmherzig da wie eh und je. Am nächsten Morgen. lag er auf fast allen Titelseiten: erbärnlich, zerschmettert, buchstäblich am Boden.

Die Photos erschienen in allen Blättern außer Sun, Financial Times, Daily Telegraph (der als konservative Zeitung einen Tag vor einer wichtigen Nachwahl Interesse an Labour-Peinlichkeiten hätte haben müssen), Morning Star (kommunistisch) und Times (kapitalistisch). Die Phalanx der Verteidiger von fair play ging quer durch die Ideologien; man bemerkte die Abwesenheit des sogenannten liberalen Guardian.

Nur die Times aber veröffentlichte dazu einen Leitartikel, der Zeitungs- und Demokratiegeschichte machen wird. Nach namentlicher Nennung der Blätter, die dem Strauchelnden auch noch den Fußtritt falscher Sensationsmache versetzten (den auch das Fernsehen mied), schrieb Chefredakteur William Rees-Mogg (von ihm stammte der ungezeichnete Artikel) über den Rücktritt:

„... ein Grund zum Trinken oder zum Heulen oder beidem. Denn für ihn (und nicht nur für ihn) war es ein tragischer Augenblick. George Brown ist kein „Mann von gestern“ oder wie ihn seine einstigen Freunde jetzt nennen. Er ist vielmehr einer der patriotischsten Engländer und eines der loyalsten Mitglieder Labour Party mit festen Überzeugungen und einem starken Herz. Er sorgt sich um die Verteidigung seines Landes und das Wohlergehen seiner Mitbürger.