Die neue „La Repubblica“ bezeichnet sich als wahre unabhängige Zeitung Italiens

Von Rino Sanders

Seit Januar hat Italien wieder einmal eine neue Zeitung: „La Repubblica“. „Es ist die einzige wirklich unabhängige Tageszeitung Italiens“, sagte mir Giorgio Mondadori, Herr des mächtigsten italienischen Verlagsunternehmens (Jahresumsatz: eine halbe Milliarde Mark), im obersten Stock seines Verlagsneubaus bei Segrate, der sich in den westlichen Wiesen der nebelreichen Niederungen um Mailand ausnimmt wie Klees „Aufstand der Viadukte“, gebändigt: ein enormer neorömischer Druck-Musentempel, in dessen hohem Arkadenkäfig aus Sichtbeton das glatte Bürohaus mit verspiegelten Glaswänden so aufgehängt ist, daß jedes Stockwerk einen mauer- und pfeilerlosen Großraum bildet.

Die einzige unabhängige? Das würde Piero Ottone gewiß bestreiten, der seit März 1972 Chef der größten und bekanntesten italienischen Zeitung ist: Corriere della Sera. Unter Ottone gewann die zum offiziösen Mitteilungsblatt erstarrte „Prawda der Bourgeoisie“ neue Lebendigkeit und neue Züge – Züge, die nicht nur den Christdemokraten fatal nach links verrutscht scheinen. Die Rechte verlangt lärmig Kursänderung, und sogar bei den Sozialisten fürchtet man, der Corriere komme den Kommunisten Berlinguers auf der Linie des „Historischen Kompromisses“ mit den Christlichen Demokraten entgegen, an dem sie nicht teilhaben würden.

Nun ist den Italienern dreißig Jahre nach dem Faschismus eine kritisch informierende, die Zustände im Lande nicht wortreich verschweigende, sondern diagnostizierende Presse noch so neu, daß sie solche Unehrerbietigkeit vor den Machthabern schon für „links“ halten. Der unverdächtige Cyrus Sulzberger jedoch meinte in einer Untersuchung, der Corriere sei so konservativ gewesen/daß er weit nach links wandern konnte, ohne deshalb schon ein linkes Blatt zu werden. Immerhin mochte Indro Montanelli des ehrwürdigen Organs neue Linie so wenig, daß er mit rund fünfzig ebenfalls verstimmten Corriere-Redakteuren auszog, um ein eigenes konservatives Meinungsjournal aufzumachen: II Giornale nuovo, das aber nach erheblichem Anfangserfolg stark zurückfiel. Der Corriere hingegen brachte es wieder auf eine Auflage von 600 000, am Wochenende 750 000, wahrscheinlich das einzige lebensfähige Glied der Corriere-Gruppe, zu der das Abendblatt Corriere d’Informazione, das Sonntagsblatt Domenica del Corriere, zwei Kinder-Corriere und andere Wochenblätter gehören (Monde, Amica).

In den letzten Jahren zunehmender politischer und gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen kam bei privaten und Staats-Industriellen die kostspielige Mode auf, „Testate“ – Zeitungsköpfe – zu sammeln – ein Sport, dem anderen zuvorzukommen, selbst wenn man nicht recht wußte, was anstellen mit dem Erwerb. Zeitungen: Machtausweis, Drohgebärde, Statussymbol, his master’s voice.

Wie komplex und vertrackt und für den Ausländer schwer einsehbar das Kräfte- und Mächtespiel in Italien läuft, mag ein, wenn auch oberflächlicher Blick auf jüngere Corriere-Kalküle zeigen: Im Juli 1974 hob der fast allmächtige Montedison-Staatsboß und mindestens zeitweilige DC-Fänfani-Freund Eugenio Cefis den Verleger Rizzoli mittels einer massiven Finanzspritze in den Kuriersattel. Weiteren ins Auge fallenden Einfluß nahm er jedoch nicht. Ottone blieb auf seinem Stuhl.